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Phantomias – die vielen Gesichter eines Helden

Warum LTB Ultimate Phantomas 31 mir nicht gefällt…

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Phantomias ist, wie bekannt sein sollte (oder auch nicht), eine italienische Erfindung. 1969 zog Donald zum ersten Mal im „Topolino“, dem italienischen Micky-Maus-Heft, nach einer Idee der damaligen Topolino-Chefredakteurin Elisa Penna das Kostüm des maskierten Rächers an und schlüpfte damit gewissermaßen in die Rolle eines geheimnisvollen Gentleman-Diebs. Im italienischen Original heißt Donalds Vorgänger übrigens „Fantomius“, er selbst nennt sich jedoch „Paperinik“ – auf Deutsch sind beide als „Phantomias“ bekannt. In den deutschsprachigen Raum schaffte es die Geschichte, zusammen mit drei Fortsetzungen, alle von Guido Martina geschrieben, und Rahmenhandlung, erst 1976 in LTB 41.

1976 erschien in Italien auch bereits die erste von Giorgio Pezzin geschriebene Phantomiasgeschichte. Schon Martina hatte erkannt, dass Donald nicht andauernd nur aus purem Eigennutz handeln konnte, wenn er sein Image nicht dauerhaft ruinieren wollte, und seine Geheimwaffen und -identität zunehmend auch in den Zweck des Guten stellen musste (gutes Beispiel: „Phantomias und das Indianerland“). Pezzin ging jedoch einen Schritt weiter und baute Phantomias konsequent zur Entenhausen-Version von Batman um und prägte das Image des Helden entscheidend. Irgendwann hatte sich das aber auch etwas abgenutzt und in Italien gab es mehrere divergierende Wege, den Charakter wieder interessant zu machen. Im Albumformat wurde die futuristische Serie PKNA mit dem „neuen Phantomias“ (nach zwei abgebrochenen Versuchen im Albumformat in den 2000ern jetzt regelmäßig im LTB Premium zu finden) eingeführt, im weiterhin existierenden Heft „Paperinik e altri supereroi“ schärften v.a. Lucio Leoni & Emanuela Negrin das Profil des Helden, während im Topolino Autoren wie Francesco Artibani, Bruno Sarda und Marco Gervasio Donald wieder stärker als Rächer einsetzten, wenn auch weniger offensichtlich kriminell bzw. moralisch fragwürdig wie bei Guido Martina.

Gervasio kümmerte sich auch um die historischen Wurzeln des Charakters und fing an, den Mythen rund um Donalds Vorgänger und seine Geliebte (und Kampfgefährtin) Detta von Duz nachzuspüren. Auf Geschichten wie „Das verlorene Amulett“, „Das Geheimnis des ersten Phantomias“ und „Vergangenheit ohne Zukunft“ folgte schließlich ab 2012 eine der besten und beliebtesten Serien der jüngeren LTB-Geschichte, „Die Legende des 1. Phantomias“. Und jetzt – juppheidi! – kehrt diese Serie endlich, nach geschlagenen drei Jahren Wartezeit, wieder ins LTB zurück. Grund zur Freude? Ja, aber. Aber was? Weiterlesen!

Der Rächer mag eine sehr italienische Angelegenheit gewesen sein, der Held dagegen bekam schnell auch in anderen Ländern einen Fuß auf den Boden. In Brasilien hatten Leser und Autoren besonders an Phantomias‘ weiblichem Gegenpart Phantomime einen Narren gefressen und die beiden zusammen mit anderen maskierten Helden (Flederduck, Supergoof, der Rote Retter u.a.) als Superhelden-Liga „Club dos Herois“ auftreten lassen. In Frankreich dagegen kam man auf noch seltsamere Ideen. Donald ist hier ein ungeschickter Möchtegern, der von seinen Neffen gerettet werden muss – die sein Geheimnis kennen! Ohne Worte.

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Und auch die Dänen von Egmont haben sich schon früh mit Phantomias befasst. Klar, im Micky-Maus-Heft hat man auch gerne mal einen Superhelden. Ein Beispiel: „Hüter der schlafenden Stadt“, geschrieben (!) von Flemming Andersen und 1992 in der Mickyvision erstveröffentlicht. Einzige dreireihige Ausnahme: „Ein wahrer Held“ von den Printz-Påhlsons und Xavi, im Donald-Duck-Taschenbuch erschienen.

Aber einen Einschnitt gab es 2005 in LTB 340. Plötzlich tauchte eine dänische Geschichte mit „experimentellem“ D/D-Code auf. Lang, ambitioniert, im irregulären Layout, von PKNA beeinflusst, und… misslungen. Da waren sich fast alle Leser einig. Der Versuch, an „Die Verwandlung“ anzuknüpfen, scheiterte gleich auf mehreren Ebenen. Donalds Charakterisierung (eine Mischung aus irrationaler Angst und grenzenloser Selbstsucht) passt einfach nicht zu jener, die man von italienischen Phantomiascomics gewohnt ist. Und die Charakterisierung ist auch eines von vielen Problemen, die Andreas Pihls Interpretation des 1. Phantomias aufweist: Als irren, sadistischen und tyrannischen Typen hatte sich wohl kein Leser den einstigen Gentleman-Dieb vorgestellt. Mal ganz abgesehen davon, dass er in der Gegenwart wohl kaum noch am Leben sein dürfte (wenn Gervasio eine schlüssige Erklärung dafür fände, würde ich es aber durchaus akzeptieren…) und das Grundstück rund um die Villa Rosa eigentlich längst den Besitzer gewechselt haben müsste (siehe „Kampf um die Villa Rosa“ aus LTB 235). Auch die Fortsetzung „Schatten der Vergangenheit“ mit völlig entgleisten Versionen von Daisy und Donald und einem geradezu abstoßenden irren Wissenschaftler war kaum besser, auch zeichnerisch alles andere als ansprechend. Dazu ersetzte Pihl mal eben Detta von Duz durch die unsterbliche Diebin Ireyon, deren Geschichte in „Ireyons Geheimnis“ immerhin etwas besser geraten ist (auch dank Massimo Fecchis gewohnt guten Zeichnungen), wenn auch erneut mit großen Logikproblemen. (Pihls vorerst letzte Phantomiasgeschichte im LTB „Hypnotische Bedrohung“ war erneut ein völlig verunglückter Tiefschlag, und selbst Byron Erickson scheiterte im MM-M spektakulär an dem Charakter.)

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Dass es noch schlimmer ging, bewiesen allerdings Mark & Laura Shaw mit zwei Geschichten, für die mir die negativen Vokabeln schon lange ausgegangen sind: „In die Enge getrieben“ und „Eine sandige Bedrohung“. Ich denke, jedes Wort für diese Machwerke ist eigentlich zu viel, und wer sie nicht gelesen hat, darf sich glücklich schätzen. Schlimmer geht es gar nicht mehr.

Die „Reihe“ wurde dann auch nach ziemlich lauten Protesten gemeinsam mit dem dänischen Kurzhosen-„Kaschperlmicky“ 2006 bereits wieder eingestellt. Leider ist es dabei nicht geblieben, und seitdem durften wir uns über so mäßige und oft groteske Geschichten wie „Einsatz bei Nacht“, „Aus Entenhausen verbannt“, „Verbrannte Diamanten“, „Der Neue“, „Der Wahn im Wasser“, „Odyssee im All“, „Persönlichkeit statt Prominenz“ oder „Von Unkraut und Ungeheuern“ ‚freuen‘. Klar gibt es auch Lichtblicke wie die Reihe um Dr. Dark oder „Pech mit Blech“, aber insgesamt sind und bleiben Phantomias-Comics von Egmont überflüssig, zumal das LTB Ultimate Phantomias ja auch noch einen großen Rückstau an italienischen Erstveröffentlichungen aus den 1990ern hat.

Gerade in Anbetracht dieser Tatsache ist es verwunderlich, dass Band 31 des Ultimate mit der bislang geltenden Regel bricht, nur italienische Produktionen abzudrucken. Das Resultat sind vier wirklich, wirklich schlechte Geschichten in einem Buch (darunter bereits der x-te Nachdruck der Ultrabrutal-Nummer „Eine sandige Bedrohung“…). Und da reicht mir sogar eine Erstveröffentlichung von Francesco Artibani nicht mehr als Kaufanreiz (zumal sie nur 15 Seiten lang ist, wenn auch recht nett zu lesen). Zu Beginn war die Rede von „chronologisch und komplett“. Auch wenn viele der italienischen Geschichten nicht aufeinander aufbauen, so widersprechen sie zumindest nicht dermaßen offensichtlich den festgelegten Fakten.

Mir wäre es wirklich lieber gewesen, man hätte die D-Codes außen vor gelassen. Wie soll man dem Leser denn erklären, dass der zwar durchtriebene, aber grundsympathische Lord Quackett im hohen Alter zu einem solchen Ekel wird? Es passt einfach nicht. Oder nehmen wir den merkwürdigen Kampfhandschuh, der in keiner italienischen Geschichte vorkommt (aber entfernt an den Transformer-Schild aus PKNA/Pk² erinnert). Diese Widersprüche hätte man vermeiden können, indem man einfach konsequent auf den Nachdruck der Comics verzichtet hätte und sie damit im Orkus der Geschichte gelassen hätte (wo sie auch hingehören). Dass es dazu kommen würde, hat sich aber leider schon in LTB 511 angedeutet, als Ericksons „Pechonator“ ganz deutlich Bezug auf „Das Vermächtnis“ nahm und als Grund dafür, weshalb Gustav Phantomias helfen würde…

Ich habe den Band kurz angeschaut und schnell wieder zurückgelegt. Ob ich meine Sammlung irgendwann doch noch komplettieren werde? Wer weiß. Es hängt jetzt stark davon ab, wie die nächsten Bände aussehen werden. Für den Moment habe ich aber kein Interesse an LTB Ultimate Phantomias 31. Ich würde sogar so weit gehen zu sagen, dass es sich hier um die schlechteste Entscheidung der LTB-Redaktion der letzten zehn Jahre handelt.

Spectaculus

Hallo, ich lese Comics, seit ich denken kann - oder vielleicht sogar noch länger!!
Ansonsten bin ich ein großer Musikfan und mache mir ständig Gedanken über alles und jeden.

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Markus

So ein Quark! Da haben sich viele viele Fehler und Irrtümer eingeschlichen.

Ein Beispiel ist, dass PKNA schon im Jahr 2000 in Deutschland in einer eigenen Heftreihe erschienen ist und nicht erst im Premium.

Sehr viel Halbwissen und -wahrheiten. Bitte genauer recherchieren!

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Spectaculus

Hallo, ich lese Comics, seit ich denken kann - oder vielleicht sogar noch länger!!
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