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Mein Musikjahr 2022 (Teil 1)

Im ersten Teil meines subjektiven Jahresrückblicks geht es um eine Ukraine-Benefizsingle, eine aufpolierte alte Tierschau und ein Werk von biblischen Ausmaßen.

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Auf die Idee unseres Chefredakteurs habe ich mich mal daran gemacht, eine Serie von Musikrezensionen zu schreiben. Das ist für die Leserschaft der Comicschau vielleicht weniger interessant, aber vielleicht kann der und die eine oder andere ja auch etwas Neues für sich entdecken.

Mein Musikjahr 2022 war geprägt von einer ganzen Reihe Künstler, die nach längerer Pause endlich wieder Neues veröffentlichten – teilweise waren die Pausen so lang, dass viele die Bands bereits abgeschrieben hatten.


In diese Kategorie fällt gleich das erste Album, das ich hier erwähnen will, aber auch eine unerwartete Single.

Außer Konkurrenz: Pink Floyd – Hey Hey Rise Up

Pink Floyd, da war doch was? Hatte Sänger/Gitarrist David Gilmour nicht nach der Veröffentlichung von The Endless River 2014 (eine hauptsächlich instrumentale Hommage an den 2008 verstorbenen Keyboarder Richard Wright, bestehend aus überarbeiteten Ideen rund um The Division Bell von 1994) verkündet, das sei es nun definitiv mit Pink Floyd gewesen? Schlagzeuger Nick Mason gab sich damals noch etwas hoffnungsvoller, auch wenn die letzte Tour der Band 1994 stattfand – von kurzen Reunions abgesehen – und sich nur wenige Fans Pink Floyd noch einmal ohne Wright vorstellen konnten. Jetzt war es auf einmal so weit. Der Anlass war wiederum ein trauriger, nämlich die Invasion der Ukraine durch Russland.

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© 2022 Pink Floyd / Yosan León. Eingebettet von Discogs

David Gilmour stieß sehr früh auf ein Instagram-Video von Andriy Khlyvnyuk, dem Sänger der ukrainischen Band BoomBox, der in dem eigentlich belebten, aber jetzt komplett leergeräumten Sophienplatz von Kyiv das Lied „Oj, u lusi tscherwona kalyna“ acapella sang, ein über hundert Jahre altes Volkslied („Oh, roter Schneeball auf der Wiese“ – gemeint ist hier die Pflanze). Gilmour nahm diese Gesangsspur sowie eine weitere Aufnahme des Liedes durch einen Chor und baute ein komplettes Arrangement drumherum, inklusive drei Gitarrensolos. Drummer Nick Mason war beeindruckt und sagte sofort zu, als Gilmour meinte, der Anlass wäre eine (einmalige) Reaktivierung von Pink Floyd wert.

Neben Gilmour und Mason war auch noch Guy Pratt (Bassist, Comedian, Podcaster und seit 1987 Teil der Floyd-Familie) an Bord. Die Keyboards übernahm nicht etwa der langjährige Tandempartner Wrights Jon Carin, der sich von Gilmour entfremdet hatte, sondern Nitin Sawhney. Nach etwa einem Monat Arbeit war das Stück fertig und als Download sowie Video zu haben. Das Video ist bislang über elf Millionen Mal gesehen worden. Alle Einnahmen kommen humanitären Hilfsprojekten für die Ukraine zugute.

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Dank der langen Presszeiten dauerte es noch drei weitere Monate, bis eine physische Version auf CD und 7″-Vinylsingle erschien. Als Bonus gab es noch eine überarbeitete Version eines alten Songs: „A Great Day for Freedom“ behandelte 1994 die Euphorie rund um den Mauerfall und die Ernüchterung über die nach dem Ende der Sowjetdiktatur aufgebrochenen ethnischen Konflikte, passt also sehr gut zur Gemengelage. Zudem spielte Gilmour den Song 2006 in Gdansk zu Ehren der Solidarność. Die neue Version ist etwas entschlackt – böse Zungen merkten an, dass Gilmour die Beiträge von Jon Carin löschen wollte; stattdessen gibt es nun das von Gilmour selbst gespielte Klavier (wie auf seinem ursprünglichen Demo) und ein paar Keyboardtöne, die Rick Wright live gespielt hat. Etwas unpassend sind die von Gilmour mit seiner gealterten Stimme neu eingesungenen Zeilen. Anstelle der Streicher hört man die Backing-Vocals von Durga McBroom, Sam Brown und Claudia Fontaine.

„Hey Hey Rise Up“ ist vielleicht nicht gerade ein Stück geworden, das ich mir allzu häufig anhören will – Khlyvnyuk hätte in einem Tonstudio sicher sauberer gesungen, und die Wiederholungen des Clips machen die etwas schiefen Stellen nur deutlicher, aber das ist dann halt auch authentisch. An der instrumentalen Untermalung habe ich absolut nichts auszusetzen: Schlagzeug und Keyboardteppiche sind definitiv Pink Floyd, und Gilmours Gitarrensoli haben viel Durchschlagskraft (umso willkommener angesichts der Tatsache, dass auch sein letztes Soloalbum Rattle That Lock mittlerweile acht Jahre her ist).

Letztlich hat es auch wenig Sinn, den musikalischen Inhalt zu kritisieren, geht es doch hier hauptsächlich um die Sache. Bis jetzt haben Pink Floyd mit der Aktion über eine halbe Million Dollar an Spenden gesammelt. Das Ganze war nicht einfach nur eine leere Geste: Gilmours Schwiegertochter ist ukrainisch; zudem spielte er 2015 in London eine Show mit BoomBox (ohne Khlyvnyuk, dafür aber ausgerechnet mit Jon Carin) als Unterstützung des Belarus Free Theater. Man kann also von einer Herzensangelegenheit sprechen.

Umso sehr muss es ihn geschmerzt haben, dass der bereits 1985 ausgestiegene Sänger, Bassist und Texter von Pink Floyd, Roger Waters, sich öffentlich ziemlich gegen die Ukraine gestellt hat – ein gutes Beispiel dafür, wie einige Linke sich seltsamerweise auf der Seite des Autoritarismus wiederfinden oder diesen zumindest relativieren. (Stichwort „tankies„.) Damit bekam der ohnehin schon lange schwelende Streit der beiden Alphatiere noch eine politische Dimension. Waters hatte es Gilmour und Mason übelgenommen, dass sie Pink Floyd ohne ihn weiterführten, aber in den 2000ern schienen die Wogen sich zu glätten. 2005 hatte Bob Geldof die klassische Besetzung (Gilmour, Waters, Wright und Mason) noch einmal für Live 8 zusammengebracht. Nach Wrights Tod gastierten Gilmour und Mason bei Waters‘ „The Wall“-Tour 2010.

Aber in den letzten Jahren nahmen die Spannungen wieder zu: Waters regte sich darüber auf, dass er keinen Zugriff auf die Facebook-Seite der Band hat. Gilmour wiederum war von den sehr Waters-lobenden Liner Notes nicht begeistert, die den 2018 fertiggestellten Remix von Animals (1977) begleiten sollten; der Streit legte die geplante Veröffentlichung für mehrere Jahre auf Eis. Frustrierend dabei, dass das neue Cover (das im Umbau zu einer Wohngegend befindliche Kraftwerk in Battersea, London, aus derselben Perspektive wie das Original fotografiert) bereits lange bekannt war.

Das Warten hatte 2022 allerdings endlich ein Ende. Der Remix erschien als CD, LP, Blu-Ray Disc, SACD und als Box mit CD, DVD, BD und LP (leider ohne weiteres Bonusmaterial wie Liveaufnahmen oder die rare Version von „Pigs on the Wing“ mit Gitarrensolo von Snowy White – es sei denn, man zählt den remasterten Originalmix auf der Blu-Ray dazu). Jetzt streiten sich nur noch die Fans über den Remix, wie das so oft der Fall ist. Klingt Animals dank James Guthries Arbeit nun besser? Ja – das Original war Pink Floyds Ansprüchen nicht wirklich gerecht geworden; besonders beim Schlagzeug gab es Luft nach oben. Das immer etwas dumpfe Animals ist hiermit ähnlich kristallklar wie der Vorgänger Wish You Were Here geworden. Ob der neue Sound auch so gut zum inhaltlich düsteren Album passt, darüber kann man natürlich geteilter Meinung sein (zumal einige Effekte sehr schwer reproduzierbar sind). Für Besitzer einer Surround-Anlage ist der Remix (auf Blu-Ray oder SACD) sowieso Pflicht, und schlechter als die Originalversion ist das Album wohl auch als CD nicht. Mit seinen langen, düsteren Abhandlungen über die schlechten Seiten der Menschheit (Waters teilt alle Menschen in Hunde, Schweine und Schafe ein) ist Animals heute genauso aktuell wie Ende der 70er.

Aber auch wenn es also einiges an Aktivität in puncto Pink Floyd gab, laufen sie trotzdem außerhalb der Rangliste – eine Single und ein neu abgemischter Klassiker ergeben eben noch kein komplett neues Album, und um die soll es sich hier in der Folge drehen.

8. Jethro Tull – The Zealot Gene

Das war ja mal eine faustdicke Überraschung: Ein neues Album von Jethro Tull. Hatte sich Ian Anderson nicht von der Band und dem Namen verabschiedet? Thick as a Brick 2, die Fortsetzung zum Jethro-Tull-Erfolgsalbum von 1972, erschien 2012 unter dem Namen Jethro Tull’s Ian Anderson, das stilistisch ähnliche Homo Erraticus dann nur noch als Ian Anderson – obwohl beide Alben mehr mit dem Tull-Sound zu tun hatten als seine früheren Soloalben wie The Secret Language of Birds. Auch wenn Sänger, Flötist, Akustikgitarrist und Songwriter Ian Anderson von Anfang an der unbestrittene Leader war: Ohne Gitarrist Martin Barre, der schon seit dem zweiten Album Stand Up (1969) dabei war und seit dem Split solo auf Tour ist, sollte es eigentlich keine Band Jethro Tull mehr geben. Zudem machte es Andersen zunehmend zu schaffen, dass er sich den Namen einer historischen Persönlichkeit angeeignet hatte.

Man muss daher auch ein wenig Gehirnakrobatik betreiben, um den neuerlichen Sinneswandel zu verstehen. Es war die Plattenfirma, die Anderson nahegelegt hatte, sein neues Album The Zealot Gene unter dem Bandnamen statt als Solowerk herauszubringen, da Jethro Tull einfach nach wie vor mehr Zugkraft hat. Zudem waren einige der beteiligten Musiker bereits Teil der letzten offiziellen Jethro-Tull-Besetzung – aber ob Anderson dann im Nachhinein die Alben von 2012 und 2014 auch zu Jethro-Tull-Alben umdeklariert?

(Fairerweise sei erwähnt, dass Anderson zwischenzeitlich auch schon Jethro Tull – The String Quartets veröffentlicht hatte, und eine Solotour unter dem Motto „Jethro Tull – The Rock Opera“ lief; die sechs hierfür extra komponierten Stücke haben bis heute keine Studioversion erhalten.)

Das Konzept von The Zealot Gene: Ein Mann, der sich selbst nicht als Christ bezeichnet, veröffentlicht eine Platte, die rund um Bibelstellen konstruiert ist (2005 gab es schon ein Weihnachtsalbum). Das klingt zunächst mal widersprüchlich.

Die Wahrheit ist aber oft auf den ersten Blick widersprüchlich. Anderson ist bekannt dafür, dass er die organisierte Religion, die er kennengelernt hat, sehr kritisch sieht. Das durchzieht viele seiner Stücke, kam aber nie mehr so deutlich zum Vorschein wie auf dem Klassikeralbum Aqualung von 1971, das auf einer Seite verschiedene Außenseiter wie den titelgebenden Bettler und auf der anderen Seite die Verfehlungen der anglikanischen Kirche behandelt – verbunden mit der Überlegung, dass auch der Bodensatz der Gesellschaft nach Gottes Ebenbild erschaffen sein müsste und diese Gesellschaft den Losern deswegen eigentlich mehr Respekt schuldig wäre. Andersons Verhältnis zur Religion ist also komplex. Er bezeichnet sich auch nicht als Atheist, dem Glauben an Jesus als Fleischwerdung Gottes kann er sich aber nicht anschließen. Zudem hat er auch ein Interesse an anderen Religionen.

Ab Thick as a Brick (das zum Jubiläum 2022 übrigens auch wiederveröffentlicht wurde) gelten Jethro Tull als stilprägende Band des Progressive Rock, auch wenn Anderson eine Zeitlang wirklich mit dem Prädikat gefremdelt hat. Spätere Platten hatten mal eine stärker folkige oder mittelalterliche Ausprägung, gingen aber auch mal in Richtung New Wave und Synthiepop – erkennbar blieben immer die Flöte sowie der Schreib- und Gesangsstil von Ian Anderson.

Seit einer Erkrankung in den 80ern kann er leider nicht mehr so singen wie früher. Einige Fans sind deswegen der Meinung, dass er das Singen doch am besten ganz lassen sollte (bei der Komplettaufführung von Thick as a Brick 1 & 2 hatte er mit Ryan O’Donnell einen zweiten Sänger dabei), aber Anderson lässt sich nicht unterkriegen. Neue Songs haben zumindest den Vorteil, dass er sie für seine jetzige Stimme schreiben kann.

Wie bereits gesagt, ist das neue Album vom Buch der Bücher inspiriert. Die Reihenfolge der Tracks folgt dabei den referierten Bibelversen.

„Mrs Tibbets“ ist gleich das längste Stück zu Beginn. Die wabernden Synthies und der crunchige Gitarrensound wecken Erinnerungen an die 80er, aber das Schlagzeug klingt wunderbar unverfälscht.

Der Titel bezieht sich auf die Mutter des Piloten, der die Atombombe auf Hiroshima abgeworfen hat (nach „Enola Gay“ von Orchestral Manoeuvres in the Dark mindestens der zweite Song mit Bezug auf sie – da der Pilot das Flugzeug nach ihr benannte).

„Have yourself a merry little Christmas“ singt Anderson gegen Ende. Alles in allem zwar ein guter, aber nicht umwerfender Opener. Es wirkt, als ob es der Musik genauso wie Andersons Stimme an Kraft fehlt.

„Jacob’s Tales“ beginnt unerwartet – hat Anderson doch tatsächlich die Mundharmonika wiederentdeckt, einst sein Hauptinstrument vor Entdeckung der Flöte, aber danach nur noch ganz selten bei Tull zu hören. Sehr willkommene Töne in diesem kleinen Akustikstück, das viel vom Flair der klassischen Tull-Alben Aqualung oder Minstrel in the Gallery atmet (dazu noch ein etwas ungewöhnlicher Akkord á la Roots to Branches von 1995). Anders als im Opener fällt die geschwächte Stimme hier kaum ins Gewicht.

„Mine Is The Mountain“, das zweitlängste Stück, gehört zu den Highlights des Albums. Mit dem schleppenden Tempo und der düsteren Pianobasis erinnert es bewusst an „My God“, einen der größten Tull-Momente überhaupt. Die Stimme passt auch einigermaßen, auch wenn ich mir da noch mehr vorstellen könnte (das ab und zu eingesetzte Falsett ist aber ein guter Einfall). Der Instrumentalteil ist sehr proggig, mit Andersons typisch flatternder Flöte und darunter liegenden Stakkato-Gitarrenparts.

Der Text spiegelt die Musik gut wider – singt Anderson doch hier aus der Perspektive des alttestamentarischen Gottes, der gerne zürnt, rächt, straft und wütet (das NT wird etwas despektierlich angesprochen mit „Matty and Lucas may bring something softer / Gentle in word and gentle in deed“).

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The Zealot Gene:

Der erste live gespielte Song des Albums ist auch einer der besten und kompaktesten. Trotz biblischem Bezug bleibt Anderson hier sehr deutlich in der Gegenwart – „apple“ und „pie“ bezieht sich auf iOS und Android. Wer der Zelote ist, der fremdenhassende Demagoge, der hier als Hauptinspiration diente, daran lassen Zeilen wie „ear-splitting Twitter thunder“ wenig Zweifel. Aber Anderson wäre nicht Anderson, wenn er sich nur an Donald Trump abarbeiten würde. Auch die generelle Polarisierung, die von den sozialen Netzwerken gefördert wird, nimmt er hier aufs Korn.

Musikalisch gibt es wenig zu sagen außer: Eingängig und doch spannend.

Shoshana Sleeping:

Hier greift Anderson wieder in seine orientalische Trickkiste. Das passt zu den erotisch aufgeladenen Textzeilen, inspiriert vom Hohelied Salomons.

Als Single war das Stück nicht wirklich geeignet, aber im Album passt es. Anderson hat seinen Gesang mit einem Flüstern gedoppelt, was immer ein cooler Effekt ist.

„Sad City Sisters“ ist das zweite akustische Stück, diesmal mit Schellenkranz und einem verspielten Akkordeon. Könnte aus beinahe jeder Tull-Ära stammen. Der Text weckt wiederum Erinnerungen an frühere Darstellungen von Obdachlosen und Prostituierten in Songs wie „Cross-Eyed Mary“ und „Pig-Me and the Whore“.

„Barren Beth, Wild Desert John“ beginnt mit einem schönen klassischen Intro, an dem man gut hören kann, dass der einstige Autodidakt Anderson die Flöte irgendwann auch „richtig“ gelernt hat.

Hier gibt es auch endlich mal ein E-Gitarrensolo, das etwas Abwechslung reinbringt. Leider hat ausgerechnet dieser Song einen ziemlich einfallslosen Schlagzeugpart, eingespielt offenbar von Anderson selbst (auf einem E-Drumset?) und in Mono!

Der Text gehört zu den offensichtlicheren biblischen Abhandlungen: Beth ist die Mutter von John (Johannes dem Täufer).

„The Betrayal of Joshua Kynde“ bringt ein etwas jazzigeres Flair ins Album ein. Das Zusammenspiel zwischen Flöte, Gitarre und Piano hier weckt besonders starke Erinnerungen an die Blütezeiten der Band.

„Where Did Saturday Go?“ fragt Anderson, es ist ein weiteres Akustikstück. Flöten werden ab und zu geschichtet. Nettes Stück, aber vielleicht etwas zu lang.

„Three Loves, Three“ ist gleich die nächste Akustiknummer, und hier wäre etwas mehr Abwechslung vielleicht nicht schlecht gewesen. Anderson spielt sehr „schön“ Flöte, keine Spur von Überblasen oder Reinsingen wie in den 70ern.

Auch „In Brief Visitation“ ist eine hauptsächlich akustisch geprägte Nummer, auch wenn hier ab und zu eine E-Gitarre im Mix auftaucht und einzelne Streichersounds aus dem Keyboard bestimmte Zeilen betonen.

Für „The Fisherman of Ephesus“ findet sich dann doch noch mal die ganze Band zusammen. Ein Becken klingt ein bisschen schrottig, ansonsten aber eine interessante, einfallsreiche Nummer. Dennoch verliere ich ein wenig das Interesse. Irgendwie steht das Stück stellvertretend für das ganze Album: Viele gute Ideen, aber es mangelt ein wenig an Dynamik und Kontrasten.

Den Vergleich mit Aqualung, der aufgrund der Thematik und der musikalischen Ausrichtung am nächsten liegt, verliert The Zealot Gene dann auch in erster Linie deswegen, weil es auf dem neuen Album keine Stücke wie „Locomotive Breath“ oder „Aqualung“ gibt – wirklich kraftvolle Rocknummern. Solange Anderson wenig Input von seinen Mitmusikern zulässt bzw. nicht wieder mehr selbst zur E-Gitarre greift (zuletzt ausführlich 1970 geschehen…), wird sich daran wohl auch nichts ändern.

Aber es zeigt auch, dass Anderson nach wie vor in der Lage ist, gute, nachdenkliche Songs zu schreiben, und auch als Texter noch nicht zum alten Eisen gehört. Für 2023 ist neben dem Buchformat-Reissue von The Broadsword and the Beast auch schon das nächste neue Album angekündigt.

Mein Musikjahr 2022 (Teil 1) 13
© Jethro Tull / Ian Anderson. Eingebettet von Discogs

Apropos: Genau wie 2021 bei The Quest von Yes (noch so ein Album, das sich redlich müht, aber nicht an die Hochphase der x-fach umbesetzten Progband heranreicht) gibt es auch von „The Zealot Gene“ eine etwas überdimensionierte und mir daher zu teure Deluxe-Ausgabe. Schade – ein Buchset im selben Format wie die Reissues der alten Alben hätte ich nicht abgelehnt.

Im nächsten Teil der Serie soll es dann um eine Musikrichtung gehen, die sowohl Pink Floyd als auch Jethro Tull zu Beginn ihrer Karrieren sehr stark beeinflusst hat – den Blues.

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Spectaculus

Ich lese Comics, seit ich denken kann - oder vielleicht sogar noch länger.
Ansonsten bin ich ein großer Musikfan und mache mir ständig Gedanken über alles und jeden.

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