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Mein Musikjahr 2022 - Teil 5: Midnight Oil auf CD und live 3

Mein Musikjahr 2022 – Teil 5: Midnight Oil auf CD und live

2022 erschien “Resist”, das dreizehnte Studioalbum von Midnight Oil. Im Sommer spielten sie ein umjubeltes Konzert auf der Zitadelle in Berlin.


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Die streitbaren Australier

Midnight Oil gehören zu den am meisten unterschätzten Rockbands überhaupt, zumindest wenn man nicht in Australien wohnt. In Deutschland kennt man “Beds Are Burning”, vielleicht noch “The Dead Heart” und “Blue Sky Mine”. Aber wer sich eingehender mit dem Werk der Gruppe beschäftigt, stellt schnell fest, dass diese Songs nur die Spitze des Eisbergs sind.

Wie viele Bands entstanden Midnight Oil im Zug der Punkwelle, aber im Gegensatz zu vielen ihrer Zeitgenossen haben sie sich das Protestmoment immer bewahrt. Musikalisch wuchs die Band schnell und beeindruckend – in die (besonders live) oft atemlosen Rocknummern schlichen sich immer wieder krumme Takte (“No Time for Games” z.B. mit seinen 7/8-Passagen), aber auch Surfrock; Mitte der 80er nutzten sie ausgiebig Synthesizer, die dann Platz für Piano und Orgel machten. Die Vielseitigkeit von Jim Moginie, der auch live zwischen Gitarre und Keyboards hin- und herwechselt, ist eine der großen Stärken der Band und sorgt zusammen mit dem ausschließlich Gitarre spielenden Martin Rotsey dafür, dass selten Löcher im Sound sind. Schlagzeuger Rob Hirst gilt als Kopf der Band und treibt sie beharrlich voran.

Ganz vorne steht der große, glatzköpfige Frontmann Peter Garrett (Gesang und gelegentliche Mundharmonika), der mit seinem markanten Erscheinungsbild, seinen ruckartigen Tanzbewegungen und der ausdrucksstarken Stimme die meisten Zuschauer in den Bann zieht. Als Sprachrohr der Band ist er es auch, der die politischen Botschaften am meisten in die Öffentlichkeit trägt – und das gipfelte darin, dass sich die Band nach ihrem Album Capricornia von 2002 auflöste und Garrett in die Politik ging. Zunächst Abgeordneter im australischen Parlament, brachte er es schließlich sogar zum Minister. Diese Erfahrung lehrte ihn allerdings auch, dass man im Politikbusiness ständig faule Kompromisse schließen muss.


2017 kehrte die Band – nach gelegentlichen Wiedervereinigungen für einzelne Konzerte – dann tatsächlich zurück und spielte eine Reunion-Tour, die auf dem hervorragenden, 2018 erschienenen, Livealbum Armistice Day: Live at the Domain, Sydney festgehalten wurde. 2019 folgte eine weitere Konzertreise und 2020 gab es dann mit dem Mini-Album The Makarrata Project – ein Statement für die Unterstützung der Aborigines, deren Situation nach wie vor recht prekär ist – endlich neue Musik, die mich allerdings bis auf die ersten beiden Tracks nicht wirklich umhaute. Kurz darauf starb auch noch ihr langjähriger Bassist “Bones” Hillman. Allerdings gab man bekannt, dass bei denselben Sessions wie “The Makarrata Project” ein weiteres komplettes Album aufgenommen wurde, das eigentlich schon 2021 erscheinen sollte, was aber durch die Pandemie dann mehrfach verschoben wurde. Auch der Titel wurde geändert: Statt “A Show of Hands” heißt das Anfang 2022 dann endlich veröffentlichte Werk “Resist”. Mit “Rising Seas”, dem bereits 2019 live gespielten folkigen “Tarkine” und dem druckvollen “At the Time of Writing” erschienen drei Singles mit Videos vor Albumrelease.

“Resist” war in jüngerer Zeit u.a. der Slogan der Anti-Trump-Bewegung in den USA, und weiter gefasst generell das Motto all jener, die sich gegen einen Rechtsruck auflehnen. Thematisch haben sich Midnight Oil nie gescheut, den Finger in die Wunde zu legen: Das Durchbruchsalbum 10-9-8-7-6-5-4-3-2-1 befasst sich hauptsächlich mit Krieg, Red Sails in the Sunset hat die nukleare Bedrohung zum Thema, Diesel and Dust ist den australischen Ureinwohnern gewidmet, und Blue Sky Mining enthält mehrere Titel zum Thema Umweltzerstörung. 1990 veranstaltete die Gruppe zudem unter dem Motto “Midnight Oil makes you dance, Exxon Oil makes you sick” einen Protestauftritt in New York vor dem Firmensitz des Ölriesen.

3. Midnight Oil – Resist

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© Midnight Oil. Eingebettet von Discogs

Nun also “Resist” und das Cover mit der besorgniserregenden Temperaturkurve gibt schon ganz klar die Marschrichtung vor. Es geht um die menschengemachte Klimakatastrophe und die vielen verpassten Chancen.


Wie es sich für eine umweltbewusste Band gehört, kommt die Verpackung ohne Plastik aus; leider blättert die Farbe ziemlich leicht von der Papphülle ab. Das war bei “The Makarrata Project” noch besser gelöst. Genau wie beim Vorgänger gibt es auch diesmal ein Faltposter anstelle eines Booklets: Auf einer Seite sind alle Songtexte, auf der anderen das Motiv der brennenden Erde und die Credits im Stil eines Filmposters. Sehr elegant.

“Rising Seas” war die ziemlich früh veröffentlichte erste Single. Der Song beginnt beinahe acapella – nur Peter Garretts mahnende Stimme und eine Orgel. Doch die Musik nimmt immer mehr Fahrt auf und Midnight Oil zeigen, wie gut sie immer noch Spannungsbögen beherrschen. Der Text zeichnet ein düsteres Bild einer unausweichlichen, vom Klimawandel geprägten Zukunft und gibt damit den Ton für das ganze Album vor.

“The Barka-Darling River” spiegelt dann fast den Opener. Es beginnt treibend mit einem drückenden Riff, das beinahe an das schwindelerregende “Only the Strong” von 10,9,8,7,6,5,4,3,2,1 heranreicht. Peter Garrett spuckt die Textzeilen geradezu aus (darunter auch “A Show of Hands”, der verworfene Titel des Albums). Midnight Oil leisten sich den Luxus, einen Killerrefrain nur an einer Stelle im Song einzusetzen – und wo eine andere Band ab diesem nur noch Wiederholungen geboten hätte, schlagen die alten Hasen einen überraschenden Haken. Statt harter Gitarren gibt es auf einmal ein sanft perlendes Piano, mit Orgel und dem Rest der Band wird danach eine Art Gospel-Rockballade daraus. Der Text steckt immer noch voller Biss (“Who left the bag of idiots open?”), gibt sich aber auch verletzlicher und nachdenklicher. Garrett erklärt “Good people are forgotten”. Das Erstaunliche ist, dass beide Hälften des Songs so unterschiedlich sind, dass sie für sich gesehen jeweils eigentlich schon genug für einen Song gewesen wären, aber die Kombination macht etwas ganz Besonderes daraus.


Gesehen beim Midnight-Oil-Konzert in Berlin: Eine Umhängetasche mit dem Aufdruck "Who left the bag of idiots open?"
Gute Frage (gesehen beim Konzert in Berlin)

“Tarkine” ist dann eine Verschnaufpause, ganz im Sinne des Textes, der die mystische Kraft des Waldes besingt (genauer: der Urwald in Tasmanien). Aber es ist ein trauriger Song: Midnight Oil beklagen das Verschwinden der Wälder durch Abholzung und Erzabbau und dass man den Wald unter Schutz stellen muss, um ihn der Menschheit zu erhalten. Die folkigen Akustikgitarren, die ein wenig an die Byrds erinnern, aber auch an die eigene Vergangenheit (“Warakurna” und “The Dead Heart” vom Erfolgsalbum Diesel and Dust), sind eine passende musikalische Umsetzung.

“At the Time of Writing” ist einer der besten Songs des Albums. Der marschierende Rhythmus mit dem pulsierenden Bass und der Wechsel zwischen drückenden Refrains und sphärischen Strophen erinnert an den Riesenhit “Beds Are Burning” (es tauchen auch dieselben Gitarreneffekte auf). Der Neuseeländer Andy Bickers unterstützt das Ganze noch mit röhrendem Saxofon. Textlich ist es nach “Rising Seas” die nächste eindeutige Anklage der schwachen Klimaschutzmaßnahmen. Trotz macht sich im Mittelteil breit: “We are not responsible for this, we’re not responsible for everything”. Clever ist das Wortspiel “Old King Coal is dying”, das den alten Kindervers “Old King Cole” mit einer Anspielung auf die Kohleverstromung verknüpft.

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Live im Studio

Mit “Nobody’s Child” gibt es wieder einen Rückgriff in die 80er. Eckig und kantig wie einst rockt sich die Band durch den Song, getragen von sequenzierten Synthesizern. Auf den meisten Shows der Tour war dieses Stück der Opener und das zu Recht, bringt es doch jede Menge Schwung mit. Garrett liefert eine Glanzleistung ab: Man höre nur seinen Schrei gegen Ende.


Ohne Pause schließt sich “To the Ends of the Earth” an (ein gerne genutztes Stilmittel der Band), ein eher experimentelles Stück, das mir etwas zu zerfahren ist. Textlich gibt es nichts wirklich Neues – 450 ppm CO2 treffen auf die Feststellung, dass wir alle nur auf Bildschirme schauen und apathisch werden. Irgendwie erinnert mich das Ganze an “Who Can Stand in the Way” von Red Sails in the Sunset, ein ähnlich unfokussiertes Stück voller guter Einzelmomente.

“Reef” greift mit seinen Akustikgitarren zunächst wieder auf die “Diesel and Dust”-Phase zurück, macht aber schnell mehr Dampf. Das synkopierte Gitarrenriff gefällt mir. In puncto Refrain kann “Reef” aber nicht mit “Rising Seas” mithalten, und das Gitarrensolo ist eher gewöhnungsbedürftig. Der Text ist eine weitere Anklage von Umweltzerstörung, diesmal mit Fokus auf die bedrohten Korallenriffe. In Zeilen wie “But we got elections” oder “Vote them in and vote them out” schwingt auch ein wenig die Resignation Garretts mit, der selbst als Entscheider nicht wirklich die gemachten Versprechen einlösen konnte.

Das Video zum Song

“We Resist” ist der Quasi-Titelsong und für Midnight Oil ungewöhnlich. Nicht, weil es eine Ballade ist, sondern weil das Stück etwas Schwebendes, Meditatives hat. Die Band baut allerdings auch noch – wenig überraschend – etwas Drama ein. Der Text weist auf gelungene Beispiele für Widerstand hin, welche zu positiven Veränderungen geführt haben.


“Lost at Sea” perlt ähnlich dahin wie Songs von Blue Sky Mining (1991) oder Capricornia (2002). Nach einer Reihe etwas arg düsterer Songs ein Lichtblick. Ein Thema, das auch schon im Opener angeschnitten wurde, dominiert den Text – Flüchtende, die auch nach ihrer Flucht nicht frei sind. Die Ironie, dass ein Land, welches von den Nachfahren von Auswanderern und Sträflingen gegründet wurde, sich heute so unnachgiebig gegenüber Flüchtlingen gibt, ist auch an Midnight Oil nicht vorübergegangen. Ein Kleinod von einem Song.

“Undercover” kehrt zum klanglichen Konzept von “At the Time of Writing” zurück (diesmal ohne Saxofon, aber mit dem Retro-Sound einer Combo-Orgel). Peter Garrett feuert eine textliche Salve gegen Überwachung durch China ab, bleibt ansonsten aber recht vage. Kein Highlight, aber ein guter Rocksong.

“We are Not Afraid” – die letzte Ballade des Albums – ist genauso wie der Titelsong recht dunkel und elektronisch verziert. Der Text spricht sich zwar gegen Angst aus, zeigt aber gleichzeitig, dass diese durchaus berechtigt sein kann (was sich durch das Cello von Julian Thompson auch in der Musik spiegelt).


Mit Donnergrollen, wabernden Gitarren sowie Sprach- und Gesangssamples beginnt auch “Last Frontier” sehr düster und experimentell, was sich dann aber glücklicherweise mit dem Einsatz des Gitarrenriffs ändert. Der Schlusssong ist noch mal Midnight Oil der Extraklasse – ein stoischer Rhythmus, nichttriviale Akkordwechsel, ein Text changierend zwischen Anklage und Wortwitz (“the industry of Schadenfreude”) und ein Refrain, den man bald nicht mehr aus dem Kopf bekommt.

Mit einer Stunde Spielzeit ist mir Resist zu lang geraten. Die ersten fünf Songs sind praktisch unantastbar, danach wird es aber durchwachsener und langatmiger (“Lost at Sea” und “Last Frontier” stechen als Highlights heraus). Es wäre im Nachhinein vermutlich besser gewesen, noch einen der hier enthaltenen Songs auf dem etwas arg kurzen “Makarrata Project” zu verbraten; “Last Frontier” bietet sich aufgrund der gesprochenen Parts von Kamahl an, dann hätte aber Resist keinen guten Abschluss mehr.

Auch die Produktion sorgt für eine gewisse Ermüdung, wobei wir von den anstrengenden Klängen eines Redneck Wonderland weit weg sind. Dennoch: Das Mastering von Chris Allgood und Emily Lazar kann nicht mal ansatzweise mit Bob Ludwigs Arbeit bei Armistice Day mithalten.


Wo sortiert sich das Ganze nun ein? Von ihrem Durchbruch 10,9,8,7,6,5,4,3,2,1 (1982) bis hin zu Earth and Sun and Moon (1993) hat die australische Band einen beinahe unantastbaren Lauf gehabt. Das etwas schlappe Breathe (1996) und das im Gegenzug übertrieben lärmige Redneck Wonderland (1998) setzten dieser Strecke ein Ende, aber Capricornia war über weite Strecken eine Rückkehr zur alten Form und hätte einen durchaus guten Abschluss der Diskografie von Midnight Oil abgegeben. Resist macht diesen Eindruck nicht kaputt – nein, die Band klingt wütender und verbissener und bezieht dabei verschiedene Facetten ihres Stils ein. Ab und zu zitiert sie sich selbst (“At the Time of Writing” recycelt u.a. ein Riff aus “Redneck Wonderland”), aber das ist bei einer so langen Karriere kaum vermeidbar.

Wenn es das nun gewesen sein sollte, wäre es ein ehrenwerter Abschluss.

Live at the Citadel Music Festival Berlin

2019 hatte ich die Oils leider verpasst, daher war ich umso hellhöriger, als die Band ihre Abschiedstour ankündigte (unterstützt von Adam Ventoura am Bass sowie den beiden Backgroundsängerinnen Leah Flanagan und Liz Stringer, letztere auch an der Akustikgitarre). Dafür musste ich sogar den Weg nach Berlin antreten, aber was soll’s: Midnight Oil nehme ich es ab, dass sie es ernst meinen. Die Begründung, man wolle abtreten, bevor es peinlich wird, ist nachvollziehbar, wenn auch schade. Die Pandemie konnte ich auch einigermaßen verdrängen, da das Konzert open air sein würde.


Am Tag war ich noch beim CD-Laden “Silver Disc” und habe dort u.a. zwei weitere Alben der Band gekauft. Dem Ladeninhaber erzählte ich, dass ich extra wegen Midnight Oil in die Hauptstadt gefahren war, und da fiel ihm ein, dass er ja noch ein Poster für das Konzert hatte, welches er mir dann schenkte. Schönes Präludium 🙂

Die Zitadelle Spandau ist ein wirklich hübscher Fleck: Umrandet von einem Burggraben, in dem sich Schwäne und ein Graureiher aufhielten (siehe Foto). Das Wetter war auch hervorragend.

Der Burggrabend rund um die Zitadelle Spandau bei bestem Wetter. Im Vordergrund ein Schwan, im Hintergrund (schwer zu erkennen) ein Graureiher

Als ich auf dem Gelände eintraf, war der Opening-Act William Crighton bereits in vollem Gange (entgegen dem behaupteten Konzertbeginn). Das war aber kein großes Thema für mich, denn seine Musik sprach mich ohnehin nicht sonderlich an. Die große Pause bis zum Hauptact nutzte ich für eine ausführliche Begutachtung der Merchandise-Area. Mit Hüten geliebäugelt, habe ich mich am Ende für ein schwarzes T-Shirt mit dem Motiv der Tour und den aufgedruckten Tourdaten entschieden.


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Es wurde lärmig auf der Bühne – das Intro “Kingdom of Flaunt” kündigte die Ankunft der Band an. Sie legten mit dem Tour-Opener “Nobody’s Child” los und rockten gleich, als gäbe es kein Morgen. Peter Garrett setzte mit dem Schrei gegen Ende ein Ausrufezeichen. Es folgte – nach einer ersten Ansage mit Vorstellung der zusätzlichen Musiker – ein weiterer neuer Song, das insistierende “At the Time of Writing”, live wie im Studio unterstützt von Saxofonist Andy Bickers. Richtig am Überkochen war die Stimmung dann allerdings bei Song Nummer Drei, dem Klassiker “Dreamworld” von Diesel and Dust. Auf dem Album direkt davor, im Konzert direkt danach kam das düstere “Put Down That Weapon”, das zwar die Geschwindigkeit etwas zurückfuhr, aber nicht die Intensität. Und auch das Tempo war mit dem fröhlichen “Don’t Wanna Be The One” gleich wieder da (zuvor äußerte sich Garrett kurz zum Krieg in der Ukraine und schwelgte in Erinnerungen an einen Auftritt in einem kleinen Club zu Zeiten der geteilten Hauptstadt). Peter Garrett packte für ein packendes “Truganini” zum ersten Mal die Mundharmonika aus. Wunderschön danach “Tarkine” mit zwei akustischen Gitarren. Mit “First Nation” wurde auch The Makarrata Project beworben; der Rap von Tasman Keith kam aus dem Off, was aber in Ordnung geht. Klang der Song eh schon nach “The Dead Heart”, folgte der Klassiker danach (und sollte so etwas wie der rote Faden für den weiteren Verlauf des Konzertes sein). Angekündigt wurden diese drei Songs mit einer kleinen Abhandlung darüber, wie Midnight Oil sich ab Mitte der 80er um ein Verständnis für die indigene Bevölkerung bemüht haben und wie das mit ihrem Engagement gegen Umweltzerstörung verbunden ist.

Ein kleines Akustikset brachte einen Ruhepunkt in den Auftritt. Das im Original sehr dichte “My Country” wurde zu einer Ballade mit Jim Moginie am Keyboard, was dem Song aber gut zu Gesichte steht. Rob Hirst wechselte für diese Strecke von seinem regulären Drumset nach vorne zu einer kleinen Apparatur, mittels derer man im Stehen trommeln kann, ein sogenanntes “Cocktail-Set”. Allerdings stahl jemand anderes die Show. Während “Short Memory”, der Song über die kolonialen Sünden der westlichen Welt, begann, tauchte an der rechten Seite auf einmal eine Frau auf und setzte sich auf einen Stuhl. Was wird das werden? Mit Beginn des Instrumentalteils fiel es mir dann wie Schuppen von den Augen: Die Dame spielt das Theremin! Ein magischer, unvergesslicher Moment. Ihr “Duell” mit Moginies Keyboard war vermutlich der Höhepunkt des Abends. Garrett erklärte nach dem Song, dass Moginie die Musikerin namens Carolina Eyck quasi auf der Straße spielend entdeckt hatte und sie flugs zum Konzert einlud. Goldrichtige Entscheidung.

Im reduzierten Format ging es zunächst auch weiter. Ähnlich wie Saga haben auch Midnight Oil ein zweites Bandmitglied, das ab und zu Lead-Vocals liefert, und in beiden Fällen sind die Stimmen deutlich schlechter gealtert als die der Frontmänner. Egal, wenn Schlagzeuger Rob Hirst “Kosciuszko” singt, hat das einfach was – und kaum jemand, der nicht mitsingt. Mitten im Song hastete er dann wieder hinter sein großes Drumset und läutete (bzw. trommelte) die Rückkehr zum vollen Bandsound ein. Wie auch auf Armistice Day leitete “Kosciuszko” nahtlos in “Only the Strong” über und die Stimmung kochte über. Unglaublich, was für einen Sog dieser Song von 10-9-8-7-6-5-4-3-2-1 nach wie vor entfacht! Danach wurde es allerdings erst einmal wieder nachdenklich mit “We Are Not Afraid” vom neuen Album. Geschickt fing die Band das Publikum wieder auf, indem sie das wuchtige “Redneck Wonderland” abfeuerte, das wiederum zum Headbangen einlädt. Noch mehr aus dem Häuschen gerieten die Anwesenden, als die Band “Warakurna” von Diesel and Dust anstimmte. Jetzt geht es Schlag auf Schlag: “Blue Sky Mine” mit Garretts Mundharmonika und dem ikonischen Refrain, das insistierende “Power and the Passion” mitsamt Drumsolo von Rob Hirst (der hier auch den Wassertank bearbeitet), der allgemein bekannte Hit “Beds Are Burning”, mit einem schönen Teaser-Intro versehen, und schließlich “Forgotten Years” von Blue Sky Mining schlossen das reguläre Set ab.


Zugaben sollte es geben, keine Frage. Aber anstelle “Zu-Ga-Be!”-Rufen fing das Publikum auf einmal an, “The Dead Heart” zu singen. Erstaunlich. Midnight Oil kehrten natürlich zurück und boten mit “We Resist” auch noch die andere Ballade aus dem aktuellen Album, die live um ein Vielfaches ergreifender wirkt. Zuvor sprach Garrett kurz auf Deutsch. Völlig entfesselt dann die Fans bei den ersten Tönen von “Sometimes” – ich finde diesen Song von Diesel and Dust zwar etwas arg poppig, aber live (und deutlich schneller gespielt als auf dem Album) kann man sich seinem Charme kaum entziehen. Ähnliches gilt für “Hercules”, dessen Melodie ich persönlich für Midnight Oil etwas zu simpel finde, aber man kann einfach nicht dagegen argumentieren, wie gut das Stück von der EP Species Deceases live funktioniert. “This is something I will remember” passt wie die Faust aufs Auge.

Offenbar war das schon als Schlusssong geplant (23 Songs sind keine schlechte Ausbeute), aber die Fans hatten nicht genug und sangen schon wieder den Anfang von “The Dead Heart”! Also ließ sich die Band noch einmal sehen und griff tief in die Raritätenkiste. Heraus zauberte man ein – seit 1990 nur noch zwei Male gespieltes – Cover, das von Nick Lowe geschriebene “(What’s So Funny ‘Bout) Peace, Love and Understanding”, das auch programmatisch für den gesamten Abend stehen könnte: Eine nettere Gruppe von Fans habe ich bei keinem Konzert bislang erleben dürfen. Auch Saxofonist Andy Bickers durfte hier noch mal richtig loslegen.

Und dann ist es fertig und alle verließen glücklich das Areal. Oder so. Der Abend war so angenehm, dass wir tatsächlich so lange noch herumstanden, bis die Ordner uns weggeschoben haben 😁


Natürlich gibt es immer kleine Schönheitsfehler – ich hätte gerne noch “The Barka-Darling River” oder “Rising Seas” gehört, oder mehr Songs von Blue Sky Mining. Außerdem kann ein einzelner Saxofonist nicht die Power der drei Bläser ersetzen, die beim Finale von “Power and the Passion” eigentlich vonnöten sind. Aber das sind wirklich kleine Kritikpunkte. Vom Energielevel und der Qualität der Setlist gehören Midnight Oil wirklich zu dem Besten, was ich je auf einer Bühne gesehen habe. Und das Angsteinflößende: Die Jungs hätten auch eine komplett andere Titelabfolge spielen können (was übrigens auch gerne vorkam, ist doch kein Oils-Konzert identisch mit dem anderen) und es wäre wahrscheinlich genauso gut gewesen.

Mehrere Ordner laufen mit rot-weißem Absperrband über das Areal, um die letzten Fans zu verscheuchen
“Jetzt geht doch endlich!”

Drei Monate später beendeten Midnight Oil schließlich ihre Tour, und offenbar auch ihre Livekarriere, mit einer beinahe vierstündigen (!) Marathonshow. Ich erwarte bald noch eine Auswertung der Abschiedstour auf CD, DVD oder Blu-Ray.

Was bleibt? Eine hervorragende Diskografie und ein astreiner Ruf als Liveband. Eine Gruppe, die vieles anders gemacht hat als andere Bands. Kein Anbiedern an den US-Markt. Standhafter Aktivismus. Ein Sound, der sich stetig änderte und dennoch immer als Midnight Oil erkennbar blieb. Ich finde, das verdient Respekt.


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Spectaculus

Ich lese Comics, seit ich denken kann - oder vielleicht sogar noch länger.
Ansonsten bin ich ein großer Musikfan und mache mir ständig Gedanken über alles und jeden.

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