LTB Sonderedition 2018 – Mickys Memoiren 1 3.5/5 (2)

8 €, 300 S.

Raub auf Tapetee (EV)

Es geht los mit einer Erstveröffentlichung. In Band 2 und 3 Grund für Freudenfeiern, hier dagegen gibt es “nur” einen recht gewöhnlichen Kriminalfall zum Mitdenken mit mehreren Verdächtigen und vergleichsweise unpersönlichen Studio-Zeichnungen. Micky, Minnie, Goofy und Klarabella machen auf der Insel Tapetee Urlaub und logieren im gar nicht so brillanten Hotel Brillant. Einer der Gäste ist ein ehemaliger Meisterdieb namens Marsen Mauspin (der Name parodiert, genauso wie Don Rosas Arpin Lusène alias der Schwarze Ritter, Arsène Lupin), weshalb die Sache klar zu sein scheint, als der Hoteltresor ausgeraubt wird. Aber auch der Hotelinhaber hätte ein Motiv, denn er hat Schulden…

Nicht wirklich umwerfend, aber das Lesen macht schon Spaß. Es hängt stark von der Affinität zu Detektivgeschichten ab, ob man a) die Geschichte mag und b) den Täter identifizieren kann.

Urlaub in Bornesien

Moment, ich dachte, das sei eine Micky-Feier – warum treffen wir hier auf den ersten Seiten Ducks namens Donald, Dagobert sowie Tick, Trick und Track? Die Antwort: Weil es sich hier um eines der seltenen italienischen Crossovers handelt. Bei den Dänen von Egmont kommt das ja öfters mal vor, besteht am Ende aber oft nur aus “Donald und Micky streiten sich”. Anders hier, denn zwei scheinbar unabhängige Handlungsstränge kollidieren in Bornesien, wo Micky und Goofy Urlaub machen wollen, während die Ducks (die eigentlich Dagoberts Diamantminen besuchen wollten) mit dem Flugzeug abstürzen. Zu allem Überfluss kommt auch noch eine asiatische Panzerknacker-Gruppe dazu, die Dagobert prompt erpresst: Wenn er nicht nach 48 Stunden mit Diamanten zurückkommt, werden seine Familie und Freunde den Tigern vorgeworfen…

Was im Prinzip eine typische Handlung der frühen LTB-DuckComics ist, wird durch Mickys Präsenz tatsächlich interessanter. Asteritis Zeichenstil ist zwar schon erkennbar, er wirkt aber noch nicht so eigenständig wie später – eher wie eine Mischung aus Scarpas damaligem Stil und dem von Pier Lorenzo De Vita. Aber was die Geschichte wirklich aufwertet, ist die fantastische moderne Kolorierung!

Musikalisches Testament

Und ebenso wunderbar koloriert kommt auch diese Geschichte daher, gezeichnet diesmal vom unvergleichlichen Guido Scala (der m.W. nur wenige Maus-Comics gestaltet hat). Minnie möchte gerne ein Pianola (ein automatisches Klavier, schon 1970 eine Antiquität) für ihr Haus haben. Bei der Suche danach landen Micky und Goofy bei der Instrumentenversteigerung von Mickys Freund Karl Breuer, der eine große Instrumentensammlung von seinem Vater geerbt hat, aber kein Geld – nur einen mysteriösen Hinweis gab es dazu. Aber für solche Hinweise braucht es Detektive…

Hört sich langweiliger an, als es ist: Tatsächlich gerät die Entdeckung des Rätsels Lösung ziemlich unvorhersehbar, und auch der Weg zum Schatz (Spoiler: Ja, den gibt es!) ist mit ein paar Unwägbarkeiten gepflastert. Das Ganze zusammen mit den etwas ungewohnten, aber eigentlich sehr ansprechenden Bildern von Scala ergibt bei mir eine klare Leseempfehlung.

Das Phantom des Theaters

Goofy ist Teil einer Laienschauspielergruppe, die eine moderne Version des “Hamlet” aufführen will. Es kommt jedoch zu seltsamen Zwischenfällen aller Art am Theater, und diese gehen offenbar auf das Konto des “Geistes des großen Dichters”. Micky vermutet, dass die Erklärung etwas weltlicher ist.

Gut aufgebaut von Autor Rudy Salvagnini, enttäuscht der Schluss ein wenig. Die Zeichnungen wirken auch leider ein wenig ungelenk und nicht humorvoll genug für die Geschichte.

Kraulen verboten!

Es folgen zwei recht ungewöhnliche Gagstorys, die Micky mal von einer etwas anderen Seite zeigen. Diese hier wurde von Giulio Chierchini gezeichnet, genauso wie Scala ein Schüler von Carpi und einer meiner Lieblingszeichner. Sein markanter Stil, zusammen mit der wieder tollen modernen Farbgebung, ist schon mal ein Lesegrund. Aber auch die Geschichte ist interessant: Goofy passt auf einen Hund namens Hektor auf. Der ist zwar groß, aber total lieb. Nur gibt es ein Problem: Es bringt offenbar Unglück, ihn am Kopf zu kraulen!

Aus einer auf dem Papier mehr als abstrusen Ausgangslage wird eine wunderbare Geschichte, die zwar nicht so recht logisch ist, aber einfach unterhaltsam daherkommt. Ähnliche Plots kenne ich, wenn schon, höchstens mit Donald in der Hauptrolle.

Hut am Steuer – ungeheuer! (EV)

Und apropos Donald: So etwas hat der schon zur Genüge erlebt, z.B. als Phantomias in Geschichten wie “313 Verschwindibus” und “Verschmutzung mit Folgen”. Hier geht es darum, dass Mack und Muck behaupten, Autofahrer mit Hut brächten Unglück. Micky will ihnen das Gegenteil beweisen und lässt Goofy ans Steuer. Aber das hätte er besser nicht getan…

Ich vergesse immer wieder, was für einen genialen Humor Francesco Artibani doch hat. In den Händen von weniger talentierten Autoren wäre das Ganze ein Desaster geworden, aber bei Artibani wird es zu einer Geschichte, bei der man Tränen lachen kann. Es geht einfach alles schief, was schiefgehen kann – und dann noch viel mehr. Bei Micky entwickelt das natürlich gerade aufgrund seines “perfekten” Images einen besonderen Reiz, denn normalerweise passieren einem Strahlemann solche Sachen nicht. Auch wenn ich Graziano Barbaros Zeichnungen sicher nicht als gut bezeichnen würde, passen sie doch irgendwie ganz gut zum Inhalt.

Im Reich der Sioux

Noch eine Geschichte in moderner Kolorierung, diesmal allerdings ohne Mehrwert, denn der Comic erschien mit dieser Farbgebung in LTB 377. Es ist leider der einzige Auftritt von Zeichner Giovan Battista Carpi in der gesamten Sonderedition.

Und die Geschichte von Guido Martina ist leider auch nicht so recht das Wahre: Micky und Goofy benutzen einen fliegenden Teppich, der sie allerdings nicht in den Orient bringt, sondern zu den Sioux. Die sind ziemlich komisch drauf. Erst will eine Siouxfrau Goofy heiraten, dann will ihre Schwester Micky heiraten und Goofy die Barthaare auszupfen…

Irgendwie gefällt mir die Geschichte einfach nicht. Der Inhalt ist einfach befremdlich. Carpis Zeichnungen sind toll, immerhin.

Ein anspruchsvoller Gast

Minnie hat eine schottische Lady zu Gast, die extrem hohe Ansprüche hat. Micky und Goofy müssen nun schuften, um es ihr recht zu machen. Irgendwann haben sie genug und wollen den Spuk beenden, indem sie ein bisschen herumspuken. Aber das geht nach hinten los…

Albern. Zusammen mit Asteritis eher mäßigen Zeichnungen wirklich kein Highlight. Man fragt sich, warum so viele Gagstorys in die Sonderedition mussten, wenn es doch mit Micky richtig tolle und tiefgründige Geschichten gibt!

Das Rätsel der McDudelsäcks

Da ist das hier schon deutlich besser: Micky und Indiana Goof sind einem Rätsel auf der Spur, welches sich mithilfe eines Dudelsacks lösen lässt. In einer alten schottischen Burg kommt es schließlich zum Showdown…

Marco Palazzis Zeichnungen sind sehr gelungen. Die Story ist sicher nicht die beste ihrer Art, aber eine der besseren im Band

Der Schatz in der Wüste

Micky, Minnie, Goofy und Pluto machen Urlaub in Ägytpen und wollen bei einer (spielerischen) Schatzsuche teilnehmen – allerdings ohne Minnie (weil so etwas angeblich für Frauen zu gefährlich ist) und Pluto. Allerdings fahren sie in die falsche Richtung und geraten in Gefahr…

Eine recht hübsche Geschichte mit recht hübschen Zeichnungen, die von einer tollen modernen Kolorierung aufgewertet werden (ich habe eine ältere Version und der Unterschied ist beträchtlich).

Eine Seltsamkeit am Rande: Im Original denkt Minnie kurz vor Ende: “Es ist mir gelungen, meine beiden Helden von ihrem hohen Ross herunterzuholen! Ein herrliches Gefühl! Hihi!”, nun heißt es “Diese beiden Halunken habe ich aber tüchtig von ihrem hohen Ross heruntergeholt, hihi!”. Was sich im Original klar auf die etwas überheblichen Micky und Goofy bezog, ist nun seltsam zweideutig; Micky und Goofy sind keine Halunken, aber die Formulierung passt trotzdem immer noch mehr zu ihnen als zu den echten Halunken (zumal die auf einem Kamel reiten). Wie leider so oft ist die Überarbeitung eher eine Verschlimmbesserung.

Ein wahres Hundeleben

Eine der größten Enttäuschungen der Sonderedition ist das fast vollständige Fehlen von Massimo De Vita. Diese Geschichte ist zwar von ihm gezeichnet, hat aber mit seiner späteren Hochform und seinen großartigen Beiträgen zum Mausiversum (Asgardland-Saga, Kampf der Galaxien, Indiana Goof, Es war einmal in Amerika, Mauser-Chroniken) rein gar nichts zu tun – vielmehr erinnern die Zeichnungen stark an Paul Murry, und auch der Inhalt könnte aus den US-Heften der damaligen Zeit stammen: Beim Versuch, Pluto abzurichten (und ihm das Autos-Hinterherjagen abzugewöhnen) gerät Micky in allerlei peinliche Situationen.

Das ist alles nicht ganz unwitzig, aber die Geschichte kommt nicht richtig in die Gänge. Und der Schluss macht die Sache auch nicht besser.

Held der Damenwelt

Hier ein Casty, den wir bereits kennen, den man aber gerne mal nachdrucken kann (Zeichnungen sind von Roberto Vian). Immerhin ist der Erstabdruck im LTB bereits zehn Jahre her.

Micky soll bei einer Party den Franzosen Victor Vanille im Auge behalten. Der besonders bei den Frauen beliebte Lebemann steht im Verdacht, der unheimliche Ugo zu sein – ein gefürchteter Dieb. Minnie ist entsetzt, als sie hört, dass Micky gegen ihn ermittelt. Und während der Party geschehen einige seltsame Dinge – u.a. ein Raub, aber Vanille hat ein Alibi. Micky nicht…

Wie der Kriminalfall letztlich aufgeklärt wird, ist große Klasse, genauso wie Minnies Rolle (bei Casty ja leider nicht immer der Fall). Eine angenehm unverbraucht wirkende Krimigeschichte, bei der Micky deutlich tiefer in den Fall gezogen wird, als ihm lieb wäre – und alles andere als der arrogante, allwissende Schnüffler ist, als der er ja gerne bezeichnet wird.

Der erste Band der Sonderedition ist also ein Gemischtwarenladen, mit Höhen und Tiefen. Mir fehlen bei den Freunden noch so einige Figuren, wie z.B. die Casty-Schöpfungen Tabea Trifftig und Bibbi Beluga oder die beiden “Maxi Smarts” – zumindest der jüngere (der ja jetzt anscheinend wieder “Bruno” heißt) ist ja neben Goofy und Gamma einer von Mickys wichtigsten Sidekicks (der Senior ist dafür eher mit Goofy unterwegs).

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Ich lese Comics, seit ich denken kann - oder vielleicht sogar noch länger!! Ansonsten bin ich ein großer Musikfan und mache mir ständig Gedanken über alles und jeden.