COMICSCHAU
Schuber 1 der Floyd Gottfredson Library

Floyd Gottfredson Library 1: Wettlauf ins Tal des Todes

(In dieser Rezension werde ich nur auf die Comics eingehen. Wer Genaueres über die Reihe an sich wissen will, kann hier meinen Blogeintrag lesen. Alle Bände enthalten viele Hintergrundtexte und zusätzliche Abbildungen, die über weite Strecken aus dem amerikanischen Original übernommen sind – siehe Inducks.)

Micky Maus im Tal des Todes

Das idyllische Landleben von Micky und Minnie wird gestört: Zwar gibt sich Balduin Beutelschneider betont freundlich, aber der Anwalt hat es faustdick hinter den Ohren. Wieso erzählt er Minnie zuerst davon, dass sie eine Villa von ihrem Onkel Mortimer geerbt hat, wenn er sie direkt danach überreden will, ihm die Villa zu verkaufen? Und wer ist der ominöse „Fuchs“, der Micky und Minnie mehrfach beisteht, als diese in der Villa von Beutelschneider, Kater Karlo und den restlichen Bandenmitgliedern angegriffen werden?

Im Prinzip haben wir hier schon ein typisches Micky-Maus-Abenteuer mit allen Zutaten, die dazugehören. Kater Karlo sieht zwar noch nicht wirklich so aus, wie man ihn kennt, aber eine Bedrohung ist er auf jeden Fall. Noch eindrucksvoller kommt hier allerdings Balduin Beutelschneider rüber, der skrupellose, aalglatte Anwalt. Beeindruckend sind auch die vielen Actionszenen: Scharmützel auf einem Zug, Canyons und Wasserfälle, sengende Wüstensonne… Floyd Gottfredson hat hier Jahre vor Carl Barks fast im Alleingang viele wichtige Elemente des Disney-Comics eingeführt.

Dass der Comic nicht aus einer Hand stammt, sondern zunächst von Walt Disney und dann von Floyd Gottfredson geschrieben wurde, merkt man nicht wirklich deutlich, allerdings teilt sich die Geschichte doch in zwei Teile auf – den eher slapsticklastigen, allerdings auch schön düsteren (die Szenen in der dunklen Villa!) ersten Teil rund um die Erbschaft und den stringenteren zweiten Teil mit der tatsächlichen Schatzsuche, der Unmengen von späteren (besonders italienischen) Comics vorwegnimmt.

Die Zeichnungen sind auch noch etwas inkonsistent ‒ bei sechs beteiligten Zeichnern (Bleistift: Win Smith, Gottfredson und Jack King; Tusche: Smith, Gottfredson, Roy Nelson & Hardie Gramatky) aber auch nicht überraschend. Dabei sticht Gottfredson schon ein Stück weit heraus, denn trotz des noch nicht ausgereiften Figurendesigns erkennt man schon viele Charakteristika seines Zeichenstils, der ‒ von Legionen späterer Künstler imitiert ‒ Teil des Disney-Comicstils schlechthin werden sollte.

Untypisch sind noch einige deutliche Verweise auf die Mausigkeit von Micky und Minnie – in erster Linie die Vorliebe für Käse. Aber auch ihre Köpfe erinnern noch etwas stärker an echte Mäuse als später (z.B. Seite 52 oben).

Woran es auch noch ein wenig hapert, ist die Logik: „Der Fuchs“ ist zwar ein spannendes Element, sein Verhalten bleibt aber am Ende etwas unverständlich. Gleiches gilt für den Sheriff, der seine Meinung zwei, drei Mal ändert, und danach jedes Mal seiner Sache sehr sicher ist. An einer Stelle benimmt er sich sogar wie Karlo und Beutelschneider (als er sagt, dass es ihm nur auf die Karte ankommt). Und über die Sache mit den Zügen will ich mir lieber gar keine Gedanken machen, da wird es nämlich sehr unlogisch: Erst wird Micky aus einem Zug geworfen, der ins Death Valley führt, dann landet er in einem, der auf demselben Gleis in die umgekehrte Richtung fährt. Zufällig sind auch Karlo und Beutelschneider in diesem (obwohl der Zug ja eigentlich in die falsche Richtung fährt!) Beide Züge begegnen sich dann auch noch…! Nun gut, aller Anfang ist schwer, und ein Comicstrip hat eben andere Gesetzmäßigkeiten als ein Slapstick-lastiger Trickfilm.

Keinerlei Beschwerden gibt es bei der Übersetzung: Großartige Bonmots wie „Die Mähre würde nicht mal eine Schnecke mit Hexenschuss einholen“ oder der Dialog zwischen Minnie und Micky auf S. 35 („Ach Micky, wir haben Klarabellas Rad kaputt gemacht. Was sie wohl sagen wird?“ ‒ „Mir egal, was sie sagt, solange ich es mir nicht anhören muss.“) sorgen für einen hohen Lesegenuss.

Herr Fatzke und die Eierdiebe

Nach einer Action-orientierten Abenteuergeschichte folgt nun ein früher Ansatz in Richtung Detektivspiel, gekoppelt mit Romantikdrama.

Es beginnt damit, dass Micky eine Minigolfanlage baut. Dort lernt Minnie Herrn Fatzke kennen, der ihr prompt den Hof macht. Micky glaubt gleich ans Schlimmste und will seinem Leben ein Ende setzen. Die verschiedenen Suizidversuche sind zwar lustig in Szene gesetzt, aber trotzdem bleibt einem da schnell das Lachen im Hals stecken. Micky als lebensmüde zu zeigen, das war da noch möglich.

Unser Held bekommt zwar noch die Kurve, aber mittlerweile steckt Minnie in Schwierigkeiten. Genauer gesagt, ihre Eltern haben Geldsorgen. Die Hühner scheinen von jetzt auf gleich mit dem Eierlegen aufgehört zu haben. Die Vermutung liegt nahe, dass die Eier gestohlen werden, aber von wem?

Herr Fatzke (ein Vorläufer von Mortimer/Ratzo/Monty) wiederum scheint die Situation für sich ausnutzen zu wollen. Er bietet finanzielle Unterstützung an, wenn er dafür Minnie heiraten kann. Minnie hat ihm bereits einen Korb gegeben und Micky springt in die Bresche. Doch als er sein Geld von der Bank abheben will, ist die gesprengt! Was tun?

Die Lage wird noch komplizierter, als Micky in Verdacht gerät, der Eierdieb zu sein. Das Ganze endet mit einem Knall – ich will nicht zu viel verraten, aber spannend ist die Geschichte auf jeden Fall!

Abgesehen von Mickys heftigem Liebeskummer zeigt auch die Situation mit dem Eichhörnchen, dass der Strip noch in den Kinderschuhen steckt. Bemerkenswert hingegen ist der Beginn der Freundschaft zwischen Micky und Dicker, der später von Egmont im MM-M wiederbelebt wurde.

Großartig finde ich, dass ein zunächst nur wie ein eigenwilliger Gag wirkendes Detail später noch richtig wichtig wird. Da erkennt man, dass die Handlungen durchdachter werden.

Micky macht Musik

Kleines Intermezzo (harhar).

Ein verkorkstes Picknick

Und auch hierüber gibt es nicht viel zu sagen. Micky und Minnie wollen ein Picknick abhalten, aber Minnies Riesenhund stört.

Hallo, Taxi!

Ditto. Viel mehr als eine mal mehr, mal weniger lustige Aneinanderreihung von Gags sollte man sich hiervon nicht erwarten.

Micky Maus gegen Katz Minz

Der Titel sagt schon das Meiste. Zunächst will Micky nur wissen, wer in der Hütte wohnt, an der ein Boxhandschuh angebracht ist. Daraus wird aber bald ein Kräftemessen zwischen dem groben Katz Mintz und dem schlauen, körperlich aber unterlegenen Micky, dessen Schwanz (!) ziemlich in Mitleidenschaft gezogen wird.

Diese Zusammenfassung deutet es schon an: Insgesamt für mich die bis hierhin schwächste Geschichte, da es sich eigentlich nicht um viel mehr als eine ausgedehnte Schlägerei handelt. Auch die Anspielungen auf Alkoholkonsum wirken bizarr. Und dass zwei Männer unter einem Dach wohnen, wäre genau wie der sehr weibliche Bäckerbursche, später eher tabu gewesen. Ob man das jetzt gut (Diversität) oder schlecht (Stereotypen) findet, ist allerdings eine persönliche Sache.

Micky Maus, der Boxmeister

Mit Raufereien geht es weiter, allerdings in (etwas) geordneterem Rahmen. Micky haut aus Versehen den Boxchampion (und Minnie’s Vetter) Raufbold Ratz KO, der ist davon bald begeistert und verpflichtet Micky als seinen Trainer. Allerdings erweist sich Ratz bald als Windbeutel, und seinem Kontrahenten Kremo Katznera absolut nicht gewachsen.

Besser zwar als die Katz-Minz-Geschichte, aber richtig begeistert bin ich nicht, obschon viele Gags enthalten sind. Katznera ist mir eindeutig zu dick aufgetragen (als sich sein Essen verspätet, verschlingt er mal eben den Tisch). Und wie Raufbold eigentlich einen Boxmeistertitel errungen haben soll, erschließt sich auch überhaupt nicht.

Dafür zeigt sich aber erneut Micky als Underdog, der gegen alle Widerstände bestehen kann. In diesem Comic feiert zudem Dicker seine Rückkehr.

Die feine Gesellschaft

Dicker steht nun im Mittelpunkt. Micky hat es sich zur Aufgabe gemacht, einen vorzeigbaren Bürger aus dem Gauner zu machen. Das geht in etwa genauso gut, wie man sich schon denken kann.

Der Comic kulminiert in einem netten Gimmick: Micky versucht, ein Foto von sich machen zu lassen, welches Fans bei Disney bekommen konnten – eine äußerst gelungene PR-Aktion.

Weniger gelungen ist der merkwürdige Gag mit dem Goldfischglas. Aber wer hier eine Übersetzungsfehlleistung vermutet, liegt falsch: Im Bonusmaterial wird erklärt, dass hier eigentlich eine andere Pointe geplant war, die aber aus mir nicht ganz ersichtlichen Gründen umgezeichnet und geändert wurde. Jaja, Zensur im Disney-Comic ist fast so alt wie der Disney-Comic selbst!

Zirkusluft

Micky heuert beim Zirkus an. Dort gibt es Ärger: Lukas Lulatsch schwört Rache am Direktor. Das beginnt mit Sabotage und endet mit der spektakulären Entführung der Kunstreiterin Mademoiselle Malta.

Noch mehr lustige Gags, eine nicht allzu ernsthafte Bedrohung. Nach den vielen Prügeleien war es wohl Zeit für etwas Ruhe im Comicstrip.

Interessantes Detail: Obwohl Pluto erst kurz später eingeführt wird, hat er auf Seite 161 unten rechts schon einen kleinen Cameo-Auftritt.

Dicker verschwindet dafür aus dem Comicstrip und ward nie mehr gesehen (abgesehen von vier britischen Einseitern). Zumindest nicht bis David Gerstein ihn in den 1990ern für die dänische Egmont-Comicschmiede wiederbeleben sollte. In der Folge wurde er besonders zwischen 1996 und 2005 sehr häufig verwendet und fand auch (in der extrem schlechten Geschichte „Duell in den Wolken“) den Weg ins LTB. Warum, kann ich nur vermuten – es schien der Redaktion wohl wie ein gangbarer Weg, frischen Wind ins Micky-Universum zu bringen, der aber historisch gesehen eine Daseinsberechtigung hatte. Für mich wirkte Dicker allerdings immer wie ein Fremdkörper, vielleicht auch, weil ich seine Einführung bei Gottfredson nicht kannte. Aber auch bei Egmont nahm die Begeisterung für den Charakter irgendwann ab; in den letzten fünfzehn Jahren tauchte er nur noch sehr sporadisch in Comics auf.

Mickys Freund Pluto

Spricht eigentlich für sich. Pluto’s Einführung ist nicht besonders aufsehenerregend. Vielleicht auch deswegen gab es in LTB 342 eine Erweiterung von Plutos erstem Auftritt in der Jubiläumsstory „Der beste Hund der Welt“.

Lösegeld für Minnie

Deutlich einprägsamer dagegen diese Geschichte, allerdings eher auf negative Art.

Dabei beginnt es sehr amüsant: Klarabella und Rudi wollen Micky und Minnie zum Zelten einladen, sind sich jedoch partout nicht einig. Er will in die Berge und sie ans Meer. Micky trifft eine salomonische Entscheidung: Ein See im Gebirge soll es sein. Der Trip kommt mit vielen Unwägbarkeiten daher (auch Pluto hängt gleich mal mit drin). Für die spätere Prüderie, die man mit Disneycomics assoziiert, sind die Liebesszenen schon fast frivol (Micky küsst Minnie auf die Nase).

Fragwürdig wird es allerdings dann, als eine Roma-Familie ins Geschehen eingreift. (Ein erster kurzer Auftritt erfolgt bereits auf Seite 174 – inklusive Hakenkreuz, das damals allerdings noch nicht dauerhaft beschmutzt, sondern als harmloses Symbol galt… zumindest außerhalb Deutschlands.) Der Clan wird von Anfang an als zwielichtig und latent gefährlich gezeigt und erweist sich dann, als Minnie gekidnappt wird, als kriminell und blutrünstig. Abgesehen von den vielen negativen Stereotypen fällt leider auch eine zunehmende Brutalität auf. Gegen Ende nimmt die fast sinnlose Ausmaße an.

Positiv hervorzuheben ist dagegen, dass die Kontinuität gewahrt bleibt. Damit meine ich, dass Minnies reicher Onkel immer mal wieder eine Rolle spielt.

Feuerwehrmann Micky

Opa Wiesel ist Feuerwehr, Polizei, Post und Gericht in einer Person. Aber mehr Geld könnte er mit einer Hochzeit machen. Da kommt Micky ins Spiel. Warum nicht eine Ehe stiften? Rudi und Klarabella benehmen sich doch eh schon wie verlobt…

Klarabellas Pension

Dann brennt Klarabellas Haus ab. Sie sucht eine neue Bleibe und will unbedingt eine Pension daraus machen. Lustig.

Gestrandet auf einer einsamen Insel (Bonus)

Die Floyd Gottfredson Library wird mit einer Geschichte eröffnet, die im Inducks unter „YM 002“ läuft, was die Frage aufwirft, was sich hinter „YM 001“ verbirgt. Nun, Gottfredson hat den Micky-Strip zwar entscheidend geprägt, aber nicht von Anbeginn an. Die allerersten Comicstrips, die eher lose eine an „Plane Crazy“ angelehnte Geschichte erzählen, stammen noch von Walt Disney und Ub Iwerks höchstpersönlich. Disney war auch bei „Im Tal des Todes“ noch als Autor dabei, zog sich aber bald schon aus der Arbeit am Strip zurück und überließ diese Gottfredson (sowie später dessen Koautoren).

Ich persönlich würde Leser*innen tatsächlich empfehlen, mit dieser Geschichte anzufangen und dann zum Anfang des Buchs zu springen. Ja, „Gestrandet auf einer einsamen Insel“ ist noch sehr unausgereift und hat einige sehr, sehr fragwürdige Szenen zu bieten, aber gerade das macht den Kontrast zur sich anschließenden Kontinuität so interessant.

Fazit:

Der erste Band der Floyd Gottfredson Library enthält mehr als nur historische Kuriosa. Gleich die ersten Handlungen rund um Gottfredsons Einstieg überzeugen auch heute noch. Eher überraschend ist es, dass der Comic-Strip danach zunächst etwas abfällt, wobei nur „Lösegeld für Minnie“ wirklich durchfällt, und das in erster Linie wegen der Dämonisierung einer Minderheit. Zeichnerisch ist fast alles auf hohem Niveau und auch das Erzähltalent kann nicht geleugnet werden.

Das Bonusmaterial verdient sowieso die volle Punktzahl. Über die weitere Evolution von Micky & Co. siehe dann die nächsten Rezensionen.

Spectaculus

Ich lese Comics, seit ich denken kann - oder vielleicht sogar noch länger.
Ansonsten bin ich ein großer Musikfan und mache mir ständig Gedanken über alles und jeden.

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