COMICSCHAU

LTB Crime 6

 

312 S., 9,95 €, 13.12.2019

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Das Cover zeigt ziemlich aggressive Tick, Trick und Track mit einer Drohne. Hat wenig mit Crime zu tun (erinnert eher an das LTB Galaxy) und schon gleich gar nichts mit dem Inhalt.

 

Der große Platsch

Teil 1 bis 14

 

Ein Blick aufs Inhaltsverzeichnis verrät es bereits: Es ist wieder Zeit für eine lange Geschichte von Silvia Ziche! „Der Raub des Jahrtausends“ war ja das klare Highlight von Band 2. „Der große Platsch“ ist sogar noch mal deutlich länger, aber heißt länger auch automatisch besser? Tja, in meinen Augen heißt die Antwort „nein“, aber ich will nicht vorausgreifen.

 

Es geht mit einer mysteriösen Sequenz los, in der der titelgebende „Große Platsch“ sich vorstellt, merkwürdige Dinge macht und plötzlich entführt wird. Dann treten eine Menge bekannter Entenhausener auf, stehen im Regen und suchen im Geldspeicher Schutz. Alle sind reichlich verwirrt, und dann ist plötzlich Dagobert Ducks Tresorraum leer.

 

Ein Verbrechen also, und da alle verdächtig sind, kann niemand den Speicher verlassen. Die beiden Polizisten haben aber ihre Mühe mit den Verdächtigen bzw. Zeugen, denn jeder erzählt eine ausgedachte und reichlich absurde Geschichte.

 

Ich will nicht sagen, dass „Der große Platsch“ nicht spannend oder unterhaltsam wäre. Silvia Ziche hat tief in ihre Trickkiste gegriffen und eine Menge haarsträubender Ideen eingebaut. Aber die Haupthandlung gerät dabei doch ziemlich in den Hintergrund. Ich will mir gar nicht vorstellen, wie frustrierend es in Italien für Topolino-Leser gewesen sein muss, vierzehn (!!) Wochen auf die Auflösung warten zu müssen. Gut, wir bekommen die ganze Geschichte in einem Platsch, äh, Rutsch, aber dafür mussten wir tatsächlich zwanzig Jahre warten, bis sie es zu uns schaffte…

 

Jedenfalls ist über die Hälfte der Geschichte am Ende eigentlich reichlich irrelevant. Auch die Titelseiten: Wahrscheinlich aufgrund der Tatsache, dass diese beim Nachdruck gerne mal weggelassen werden, findet sich hier meistens nur ein von der Haupthandlung losgelöster Comicstrip, bei dem der Einfluss der Zeitungsstrip-Zeichner wie Bill Watterson oder Jim Davis auf Silvia Ziches Werk noch deutlicher wird.

 

Was mich ebenfalls stört, ist die Meta-Ebene („wir suchen den Hauptprotagonisten“, „mein Auftritt ist erst viel später“ usw.). Ohne wäre das Ganze etwas leichter ernstzunehmen. Und schließlich ist die Auflösung für den aufmerksamen Leser nicht sooo überraschend, weil es eben doch einige recht eindeutige Hinweise gibt – auch wenn der Plan schon sehr ausgefeilt ist.

 

Interessant finde ich noch, dass Silvia Ziches Zeichnungen zwar an vielen Stellen klar erkennbar sind (besonders die Schnäbel), an anderen Stellen aber noch eher konservativ wirken und sogar ein bisschen an Giorgio Cavazzano (wenig überraschend) und Lucio Leoni (schon eher) erinnern.

 

„Der große Platsch“ ist sicher perfekt fürs LTB Crime, denn einerseits geht es um einen Kriminalfall, andererseits ist der Comic aber auch sehr lustig – eine Balance, die alles andere als selbstverständlich ist. An den „Raub des Jahrtausends“ kommt die Geschichte insgesamt aber in meinen Augen nicht heran.

 

Ärgerlich: Gleich zwei Mal steht hier fälschlicherweise „dass“ statt „das“. Andere Kuriositäten:  Auf Dussels Gesicht (S. 152) steht „265“.

 

Die unfassbaren Panzerknacker: Der Fluchtwagen

 

Absurder Einseiter. Und warum ist der Band so Panzerknacker-lastig?

 

Kleine Scherze unter Schurken

(ursprünglich aus LTB 410)

 

Noch eine Knastgeschichte von Kater Karlo (komisch, dass die Serie bislang keinen deutschen Namen bekommen hat), leider schon mal abgedruckt, und auch nicht sooo toll… Als Hehler-Helge Karlo seine Paraderolle als Knast-Weihnachtsmann streitig machen will, langen die beiden beim Essen kräftig zu. Warum? Weihnachtsmann wird ja wohl der Umfangreichste. Oder?

 

Die Goldstörung

 

Dagobert ist bestürzt: Er kann plötzlich nicht mehr in seinem Geldspeicher schwimmen! Ein Arzt konstatiert eine „Goldstörung“, die Lösung: Einen Schatz suchen. Da bietet sich eine Reise in die alte schottische Heimat an.

 

Recht schöne Geschichte von Autorentalent Vito Stabile, irgendwo zwischen Barks und Cimino angesiedelt. Weniger schön die ziemlich ungelenken Zeichnungen von Alessia Martusciello, die von der Vergrößerung auch nicht unbedingt profitieren. Und mit Crime hat die Geschichte auch wirklich höchstens am Rande zu tun…

 

Neu ist mir „Uao“ – ist im italienischen Disneycomic omnipräsent, klingt unübersetzt auf Deutsch aber komisch. Bitte in Zukunft wieder „Wow“ draus machen, okay? Und Dagobert springt nicht wie ein Fisch in sein Geld, sondern wie ein Seehund –  Phrasen wie diese sollten eigentlich genauso wie Figurennamen fest im Gedächtnis aller LTB-Übersetzer und -Redakteure verankert sein…

 

Wilde Weihnacht

(ursprünglich aus LTB 397)

 

Eine Weihnachtsgeschichte mit zwei Handlungen: Einmal Donald, der wie jedes Jahr den Nikolaus für seine Neffen spielen soll, und dann Dagobert, der von als Weihnachtsmännern verkleideten Panzerknackern (schon wieder! Die sind mir hier viel zu präsent!) ausgeraubt wird. Und dann kommt der echte Weihnachtsmann dazu…

 

In dieser Geschichte erfahren wir, dass der Weihnachtsmann sich gut prügeln kann. Jou. Also, mir war der aus „Der rote Komet“ lieber, der von sich selbst behauptet, er habe noch nie Gewalt angewendet…

 

Giorgio Cavazzanos Zeichnungen sind prinzipiell gut, nicht so seelenlos wie bei manch anderen von ihm gezeichneten Egmont-Comics… aber wer sehen will, wozu der Mann wirklich fähig ist, sollte sich bis zur letzten Story gedulden.

 

Das Ärgerlichste an diesem Nachdruck ist allerdings, dass er fast zeitgleich bei den Buchhandels-Kollegen der Egmont Comic Collection in einem ansonsten recht empfehlenswerten Weihnachtsband („Wundervolles Weihnachtsfest“) erschienen ist. Und dort wirken die Zeichnungen nun wirklich übertrieben aufgeblasen…

 

Haarige Angelegenheit

 

Immerhin nicht ganz schlechter Einseiter mit Karlo und Trudi.

 

Geheimakte Anderville

1: Klare Kante

 

Zu den Geschichten aus der italienischen Heftreihe „Mickey Mouse Mystery Magazine“, bei uns „Micky Mystery“ (LTB Premium 8 und 12), gab es noch zwei Kurzgeschichtenserien. Die erste mit den unglaublichen, aber wahren Geschichten wurde komplett im Crime 4 gedruckt – nun gibt es noch das „Anderville Confidential“. Präsentiert werden diese kleinen Geheimnisse von Little Caesar, Inhaber des gleichnamigen Diners, in dem ja bekanntermaßen jeder mal vorbeischaut.

 

Geschrieben wurden beide Geschichten von Bruno Enna, der leider kein Kapitel der Hauptreihe gestalten durfte. Ärgerlich: Zeichner Giuseppe Zironi wird hier zwei Mal fälschlicherweise „Zirone“ genannt…

 

In der ersten Folge geht es um Patty Ballestreros, die toughe Polizistin (die allerdings nach einem heftigen Streit mit Jan Clayton ihre Dienstmarke abgibt) und ihren Werdegang. Dabei trifft sie immer wieder einen gewissen TJ Hollywood, der einen Narren an ihr gefressen hat. Und sie selbst kommt dadurch in arge Schieflage, denn der Kerl ist immerhin ein Krimineller!

 

Schön, nur finde ich den Schluss etwas zu überhastet. Da soll man sich als Leser wohl selbst aussuchen, welches Ende einem am liebsten ist!

 

2: Maryam & Jan

 

Hier erfährt man, wie Jan Clayton einst eine rebellische Studentin nach einer exkalierten Demonstration nach Hause brachte. Aus gegenseitiger Abneigung wird im Laufe der Zeit etwas ganz Anderes…

 

Auch hier: Schöne Geschichte, aber etwas zu ausschnitthaft.

 

Dass die Redaktion den Vorschlag, die Micky-Mystery-Kurzgeschichten im Crime unterzubringen, umgesetzt hat, verdient großes Lob. Danke!!

 

Ein gesunder Appetit

 

Ein Einseiter über Donalds Doppelleben (nein, nicht als DoppelDuck, sondern als Phantomias). Gute Pointe, aber nichts, was man nicht auch in einer vollwertigen Geschichte hätte unterbringen können. Nicolino Picones Zeichnungen sind nicht so mein Fall.

 

Die letzten Tage des Jahres

 

Geschlagene 270 Seiten dauert es, bis Micky endlich mal auftauchen darf – und dann auch noch nicht mal in einer echten Hauptrolle… wobei das nichts über die Qualität der Geschichte aussagt. Zumal hier endlich wieder das Dream-Team Tito Faraci / Giorgio Cavazzano am Werk war – siehe „Plattfüße auf der Flucht“ aus Band 1.

 

Los geht es mit der Silvesterfeier im Polizeirevier. Alle sind eingeladen, es ist ein rauschendes Fest. Nur die Inspektoren Issel und Steinbeiß schaffen es irgendwie nicht nach Hause und schlafen stattdessen in der Turnhalle ein. Und als sie am nächsten Tag aufwachen, steht ihr schlecht gelaunter Vorgesetzter, Kommissar Hunter, vor ihnen, und erklärt, dass es nicht Neujahr, sondern der 32. Dezember ist! Aber niemand scheint sich daran zu stören. Im Gegenteil, alle sind davon überzeugt, dass der Dezember 32 Tage hat! Und so gibt es wieder eine Silvesterfeier. Aber damit ist die Sache immer noch nicht gegessen: Issel und Steinbeiß wachen erneut nicht am 1.1. auf, sondern am – argh! – 33. Dezember! Und so erlebt man Mal um Mal demselben Tag…

 

Eine herrliche Geschichte. Auch wenn die Grundidee eigentlich total irre ist (und es im LTB schon mal eine ähnliche, allerdings später entstandene gab), macht das Lesen unverschämt viel Spaß, gerade weil Faraci die Absurdität so auf die Spitze treibt. Besonders Steinbeiß wird von einem grandios zeichnenden Cavazzano teilweise so dermaßen genial in Szene gesetzt, dass es geradezu zum Schreien ist. Und Mickys Monolog (in Minnies Beisein)… zum Wegschmeißen! Tatsächlich kommt ihm letztlich eine größere Rolle zu, als man meinen mag, auch wenn Issel und Steinbeiß klar die Hauptpersonen sind. Nur Minnie nervt diesmal leider nur.

 

Kleine Kritikpunkte: An manchen Stellen ist die Kolorierung etwas seltsam. Und seit wann ist Steinbeiß blond? Und auch hier gibt es leider eine Fehlleistung des/r Übersetzers/in: Kommissar Hunters Ehefrau heißt im italienischen Original tatsächlich „Petulia“, auf Deutsch wurde jedoch eigentlich ein Buchstabe geändert. Auch wenn „Petunia“ nicht gerade der tollste Name ist, so sollte man doch die Festlegung respektieren und nicht munter hin- und herwechseln.

 

Worüber man auch noch mal reden sollte, ist das Duzverhalten diverser Figuren. So duzen sich sowohl Micky und die Inspektoren als auch Steinbeiß und Issel untereinander in jeweils einer Szene, was ja angesichts ihres freundschaftlichen Verhältnisses nicht falsch scheint… und sind dann an anderen Stellen doch wieder förmlich per Sie. Komisch.

 

Komisch wirkt auch zunächst der Hinweis auf den 29. Februar: Weder das ursprüngliche Erscheinungsjahr in Italien (2001) noch das deutsche Veröffentlichungsjahr 2019 sind Schaltjahre… 2020 ist allerdings eines. Offenbar ist die Geschichte in Italien allerdings auch (gemeinsam mit dem „Neujahrsspiel“ aus LTB 333! Ein Hammer-Topolino!) leicht verspätet am 2. Januar erschienen, spielt also eigentlich noch 2000, und dann passt es…

 

Fazit

 

Das letzte LTB Crime 2019 hält das Niveau der Serie hoch und ist m.M.n. auch eine Steigerung gegenüber Band 5, denn mit „Der große Platsch“, „Die letzten Tage des Jahres“ und den beiden Anderville-Geheimakten sind einige essentielle Geschichten enthalten, die man schon mal gelesen haben sollte.

 

Das Crime -Jahr 2019 endet hier, aber die Reihe wird 2020 fortgesetzt. Und einige Highlights werden auch im neuen Jahr dabei sein… z.B. eine Geschichte, die zu Castys besten, kritischsten und visionärsten Werken gehört („La marea dei secoli“). Ob Kommissar de Mauss und/oder Ein Fall für Micky auch wieder reaktiviert werden, ist mir zu diesem Zeitpunkt noch nicht bekannt. Zumindest hoffe ich, dass man die Möglichkeit weiterhin nutzt, gute Mausgeschichten abzudrucken, und sich mit Geschichten, die auch im normalen LTB problemlos Platz haben können, eher zurückhält.

 

Was aber eindeutig besser werden muss, das ist die redaktionelle Bearbeitung der Texte. Die Anzahl der Tippfehler war im Crime teilweise auffallend hoch, und über die Namensfehler habe ich mich ja auch schon ausführlich ausgelassen.

 

★★★★

Deine Bewertung
[Abstimmungen: 2 Durchschnitt: 4.5]

Spectaculus

Hallo, ich lese Comics, seit ich denken kann - oder vielleicht sogar noch länger!!
Ansonsten bin ich ein großer Musikfan und mache mir ständig Gedanken über alles und jeden.

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Spectaculus

Hallo, ich lese Comics, seit ich denken kann - oder vielleicht sogar noch länger!!
Ansonsten bin ich ein großer Musikfan und mache mir ständig Gedanken über alles und jeden.

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