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Der ÖRR Blog: Viel valide Kritik, aber auch fragwürdiges Verhalten


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Auf Twitter erfreut sich der ÖRR Blog, der das “Versagen” der Öffentlich-Rechtlichen aufzeichnen und dokumentieren soll, immer größerer Beliebtheit. Mehrfach täglich tweetet der Blog über Probleme im großen, öffentlich-rechtlichen Netzwerk. Damit hat er oft valide Punkte, doch trifft nicht immer dort, wo er selbst möchte.

Spätestens seit dem rbb-Skandal im letzten Jahr ist Kritik an den Öffentlich-Rechtlichen wohl so populär wie nie zuvor. Und nicht ganz zu Unrecht kritisieren Beitragszahler die Zustände, die teilweise im ÖRR-System vorherrschen. Sie werfen ihm nicht nur Versagen bei den Ausgaben vor, sondern oft auch beim Programm. Doch nicht jede Kritik sitzt.

Wir haben den ÖRR Blog für einige Fragen um Stellung gebeten und auch Antworten erhalten.


ÖRR-Blog setzt sich für eine Reform der Öffentlich-Rechtlichen ein

Im Profil schreibt der ÖRR Blog, der wohl der größte Kanal für ÖRR-Kritik ist – und sich großer Beliebtheit, ähnlich wie ÖRR Memes, erfreut – man setze sich “für eine Verkleinerung und Kostenreduzierung” ein, dahinter der Hashtag #ReformOERR. Selbst Moderator und Entertainer Jan Böhmermann hat sich dieser Forderung, zumindest der Idee einer generellen Reform, mittlerweile angeschlossen. Mit fast 50.000 Followern zeigt sich zudem, dass der Account, den es erst seit 2020 gibt und der im letzten Jahr wohl ein seltenen gesehenes Wachstum hinlegen konnte, dass es großes Interesse an der “Aufdeckung” der problematischen ÖRR-Inhalte gibt.

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Fragwürdige “Bloßstellung” eines ÖRR-Kritikers? Oder valide Kritik an der Kritik?

Mit seiner Kritik ist der Blog unlängst auch ins Blickfeld einiger Journalisten des ÖRR, zum Beispiel Georg Restle, gefallen, der dem Blog CSU-Nähe vorwarf, weil dieser unter anderem negative Berichterstattung über die CSU kritisiert hatte und der Haupt-Betreiber (auf Twitter @Notausgang25) “CSU-Politiker” wäre, dabei ist dieser lediglich stellvertretender Ortsvorsitzender. Klar ist jedoch – die Kritik passt nicht allen. Denn sie zeigt relativ offen und transparent, wo der Rundfunk scheitert.

Es ist allerdings auch so, dass der ÖRR Blog nicht nur ein positives Beispiel für Kritik ist, denn nicht immer trifft er mit seinen Kritikpunkten ins Schwarze. Und gerade dann, wenn er es nicht tut, ist die Empörung über den ÖRR trotzdem groß. Selbst, wenn der ÖRR diesen Fehler einsieht und verbessert, reicht das vielen Kritikern nämlich noch nicht.


Dazu kommt: Kritik am ÖRR Blog ist wiederum ebenfalls nicht gern gesehen und wird damit gekontert, dass man zur Finanzierung des ÖRR Blogs – im Gegensatz zu den Öffentlich-Rechtlichen – ja nicht gezwungen sei. Das aber ist ein Strohmann-Argument.

Täglich mehrere ÖRR Kritik Tweets, viele davon kritisieren aber auch “harmlose” Fehler

Es hat vielleicht auch etwas Gebetsmühlenartiges, wie die Kritik beim ÖRR Blog durchgekaut wird – aber für eine Reform mag es genau das sein, was dringend benötigt wird. Auf Nachfrage bestätigt der ÖRR Blog, ein Watchblog für die Öffentlich-Rechtlichen zu sein. Trotzdem finden sich unter den mehrfach täglichen Tweets, teilweise auch mal über zwanzig an einem Tag, eben auch immer einige, die nicht treffen und etwas vermuten lassen, was gefährlich sein könnte: Man hat mitunter den Eindruck, der ÖRR Blog hätte einen politischen Bias – dazu gleich mehr.

Am 31. Januar etwa gab es ganze vier Postings darüber, der ÖRR würde intransparent viele TikTok- und Instagram-Kanäle betreiben, die nirgends einheitlich zu finden wären und damit unnötig Gebühren dafür ausgeben. Dabei posten die TikTok- und Instagram-Kanäle der Öffentlich-Rechtlichen meist nur bereits existierendes Material aus den anderen sozialen Netzwerken, wiederverwerten diese und stellen nur selten eigene Videos her – und wenn, dann auch keine übermäßig aufwendigen Inhalte. Und dem ÖRR einen Vorwurf zu machen, die junge Zielgruppe da zu suchen, wo sie ist, wäre vielleicht etwas weit gegangen. Der Ausbau auf TikTok mag groß sein – und die Accountdichte auf Instagram mittlerweile auch, aber lange warf man dem ÖRR, nicht zu Unrecht vor, nicht dort zu geschehen, wo die Menschen sind – macht er es dann, ist es aber auch wieder falsch.


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Auch das ist ein häufiges Problem der ÖRR-Kritik an sich. Vor einigen Wochen warf der ÖRR Blog den öffentlich-rechtlichen Medien vor, nicht über die Twitter Files berichtet zu haben. Kurz danach löschte er den Tweet, denn das war falsch, tatsächlich hatte das ZDF bereits einige Wochen zuvor berichtet. Danach kam dann, ohne Korrektur, ein Tweet, es gäbe nur sehr wenige Berichte über die Twitter Files. Dieses Verhalten ist weder konstruktiv noch sinnvoll. Man kann zwar Kritik üben, ohne es besser zu machen, aber damit delegitimiert man sich dann selbst. Und zwar auch, wenn man nicht von der Öffentlichkeit bezahlt wird. Etwas mehr Offenheit im Umgang mit eigenen Fehlern täte der Sache also durchaus gut.

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Ist das noch Kritik? Oder schon unfair?

ÖRR-Kritik als Selbstzweck, und bedenkliche Kommentarspalten

Natürlich gehört es zum Diskurs dazu, sich dann über das Programm zu unterhalten und wenn dem ÖRR eine linke Agenda vorgeworfen wird, mag es nicht wundern, wenn viel der Kritik wiederum aus dem gegenteiligen Lager kommt, trotzdem kommt es unter den Tweets des ÖRR Blog nicht selten zu immer ähnlichen Antworten, die sich eher wie eine Kritik oder Abarbeitung an “den da oben” generell liest. Die meisten wären wohl für eine komplette Abschaffung des ÖRR, selbst wenn nicht einmal der ÖRR Blog selbst das fordert.

Und hier kommt man auch schon zum entscheidenden Problem: Man hat den Eindruck der ÖRR Blog hat bei seiner Abdeckung, aber vor allem in seiner – dafür kann der ÖRR Blog selbst nur geringfügig, aber er hat auch nie aktiv etwas dagegen getan – Zielgruppe einen Bias. Und als “ÖRR Blog”, also der Watchblog der Öffentlich-Rechtlichen, ist ein Bias problematisch. Denn Kritik an Medien öder Öffentlich-Rechtlichen sollte nicht einfach als beispielsweise “Farce von Rechts” abgetan werden, denn sie ist legitim.


Genau hierdurch gibt man aber Journalisten wie Restle die Möglichkeit, den Blog anzugreifen und die ÖRR-Kritik als Ganzes zu delegitimieren. Denn er hat nicht ganz Unrecht, wenn er sagt, die Kritik käme aus einer bestimmten Ecke. Dabei gibt es durchaus auch in linken, grünen und liberalen Kreisen valide Kritik am ÖRR, der ÖRR Blog deckt aber eher die konservative und rechte Seite ab, auch wenn teils dann auch die liberale. Linke oder grüne Kritik am ÖRR findet sich jedoch eigentlich nie auf dem Profil. Hierfür muss an sich nur die Kommentarsektion eines beliebigen Beitrags anschauen.

Dabei ist klar: Es ginge besser. Auch ohne widersprüchliche Kritik, ohne mehrere Postings zum selben, nicht sonderlich validen Punkt und mit Kritik in alle Richtungen. ÖRR-Kritik sollte nicht politisch motiviert sein, selbst wenn sie dem ÖRR es vorwirft. Gute Kritik macht sich eben auch mit keiner Sache gemein.

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ÖRR Blog dankt nach Korrektur für Unterstützung
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Und es gibt ja durchaus positive Beispiele, zum Beispiel, als der Deutschlandfunk eine ungünstige Bildunterschrift postete, der ÖRR Blog darüber schrieb und der DLF sich anschließend entschuldigte und es änderte. Zwar bedankte der Blog sich dann offenbar bei den Lesern für die “Unterstützung” und nicht bei der DLF-Redaktion, die dafür bekannt ist, Fehler einzusehen, sich zu entschuldigen und es zu korrigieren, aber zumindest zeigt man damit transparent, wenn der ÖRR sich von seiner guten Seite zeigen kann und Fehler einsieht und korrigiert.


Denn das Projekt ÖRR Blog ist nicht nur eine gute Idee, sondern auch wichtig, um auf Langzeit tatsächlich einen besseren Rundfunk erhalten zu können. Hierfür wäre es jedoch wichtig, dass das Projekt so unangreifbar wie möglich ist, was aktuell aber nicht der Fall ist. Es reicht eben nicht, mit dem Finger auf andere zu zeigen.

Stellungnahme des ÖRR Blog

Nachdem wir den ÖRR Blog bereits vor dem Beitrag um Stellungnahme gebeten hatten, gab dieser diese freundlich eine ab und beantwortete alle unsere Fragen.

Daraus geht unter anderem hervor, dass Jonas aka Notausgang25 zwar Mitgründer des Blogs ist, aber nicht als einziger daran mitarbeitet. Die anderen Mitglieder scheinen zudem keiner Partei anzugehören. Als Ziel gibt er an, den deutschen Rundfunk, der der mit dem größten Budget der Welt ist, zu verkleinern, weil er “aufgebläht, ineffizient und nicht mehr zeitgemäß” ist. Damit stände der ÖRR Blog, womit er recht hat, nicht allein, da einige Medienhäuser dies ebenfalls fordern und immer mehr Einzelpersonen.


Restles Kritik bezeichnet der Blog als “Versuch der Stigmatisierung”, da lediglich eine Person des Blogs überhaupt in einer Partei ist. Dass die Kritik meist aus dem “liberal-konservativen Spektrum” kommt, sei “nachvollziehbar”, weil “der ÖRR Themen und Inhalte aus dem linken politischen Spektrum forciert und fördert”. Ihre Botschaft sei deshalb “natürlich eine politische”, weil sich die “inhaltliche Kritik beim ÖRR auf fehlende Neutralität in der Berichterstattung bezieht”, weshalb “Neutralität in [der Berichterstattung des ÖRR Blogs] […] ein Teil [ihrer] […] Mission sei”. Dabei würde keine politische Richtung oder Partei bevorzugt.

Hier mögen sich die Geister scheiden, der ÖRR Blog betont jedoch: “Wir erhalten im Privaten auch von Accounts aus dem linken politischen Spektrum Zuspruch und werden unterstützt. Auf Grund unseres konservativen Stigmas (unter anderem durch Restle) haben manche linke Accounts Hemmungen sich öffentlich zu uns zu bekennen”. Vorschläge für den ÖRR Blog nimmt dieser jedoch – und das kann man vielleicht als Appell sehen – über Direktnachrichten und die E-Mail-Adresse “oerrblog@protonmail.com” entgegen. Wer also etwas hat, was vielleicht aus der linken Ecke kommt, kann jederzeit selbst einschicken.

Nachtrag: Weil unser Artikel etwas verzögert erscheint, hat jetzt doch tatsächlich der RND in der Zwischenzeit über den ÖRR Blog berichtet – jedoch nur über Restles Kritik, dass einer der Mitgründer lokal bei der CSU Mitglied ist. Der RND war es auch, dessen Mitarbeiterin erst letztens im ARD Presseclub behauptete, die Silvesterausschreitungen hätten mit Videospielen zu tun. Nun hat man in der Redaktion offenbar einen zwei Wochen alten Twitter-Thread entdeckt.


Der RND Blog greift damit zwar unsere Kritik ebenfalls auf, geht jedoch nicht mehr in die Tiefe als es schon Restle getan hat. Ausgerechnet den ÖRR Blog zu diskreditieren bei dem, was in den Öffentlich-Rechtlichen läuft und kein positives Wort zu verlieren, zeigt allerdings wieder einmal mehr, dass der Blog offenbar einschlägt. Denn der ÖRR Blog ist nicht nur ein guter Ansatz, er ist notwendig und dringend gebraucht.

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Bastian

Gründer und Autor. Experte für Memes, Internetkultur mit Stars und Social Media, dabei aber auch interessiert an Kino, Filmkultur & Animationsfilmen und anderem. Manchmal sarkastisch, kreativ und Gelegenheitskritiker.

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