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Kritik an Floskelwolke: Die fragwürdige Floskel des Jahres

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Die jährlich verliehenen Unwörter des Jahres des Projekts Floskelwolke, die diese auch „Floskel des Jahres“ nennen, ziehen aktuell eine Menge Kritik auf sich. Die Gründe hierfür sind vielfältig und alles andere als neu, nun wird man auf Twitter allerdings erstmals im großen Raum darauf aufmerksam und adressiert über verschiedene Accounts die fragwürdigen Praktiken des Projekts.

Bei der Floskelwolke handelt es sich um ein fast zehn Jahre altes Webprojekt für Sprache, das häufig verwendete Floskeln aufdecken möchte und von zwei Journalisten geführt wird, nämlich Sebastian Pertsch und Udo Stiehl.


Bereits im letzten Jahr fiel uns das Projekt ins Auge, aus Zeitgründen haben wir uns damals damit jedoch nicht beschäftigt. Nun gibt es aber einige Gründe mehr, das Thema aufzugreifen.

Tagesschau berichtet über Floskelwolke

Kritik an Floskelwolke: Die fragwürdige Floskel des Jahres 8
Screenshot/Zitat des Tagesscchau-Berichts

Dass über die Floskelwolke und ihr Unwort des Jahres, dieses Mal „Freiheit“, 2021 war es „Eigenverantwortung“ (in Verbindung mit der Corona-Pandemie) und 2020 „Einzelfälle“ (in Verbindung mit rechter Gewalt) berichtet wird, ist indes nichts Neues. Der Deutschlandfunk griff das Thema bereits mehrfach auf. Vor einigen Jahren gewann man außerdem – aber nicht mit dem Unwort – den Wallraff-Preis für Journalismus-Kritik und wurde für den Grimme Online-Award zumindest nominiert, den man jedoch nicht gewann.

Im Tagesschau-Bericht wird jedoch auf vor allem ein Detail nicht aufmerksam gemacht: Einer der beiden Gründer, Udo Stiehl, arbeitet bereits seit über zwanzig Jahren für das öffentlich-rechtliche Angebot, darunter der WDR und Deutschlandfunk als Freiberufler. Einen Transparenz-Hinweis, dass das Projekt von einem Kollegen zur Hälfte betrieben wird, gab es jedoch nicht.

Fragwürdiger Umgang mit Kritik der Floskelwolke auf Twitter

Die Floskelwolke ist weitergehend dafür bekannt, Kritiker auf Twitter zu blockieren. Auch solche, die nur Kritik gelikt haben und ansonsten gar nicht interagierten. Mehrere Nutzer fragten, inwiefern dieses Projekt so relevant wäre, dass die Tagesschau darüber berichtet und wurden ebenfalls blockiert. Das ist eine Praktik, die bereits seit Jahren so abläuft.

Pertsch beleidigt auf seinem Account, auf dem er ebenfalls sehr großzügig Menschen blockiert, zusätzlich noch andere Nutzer als „Trottel“, „Schwachkopf“ und „Arschloch“, und das sehr großzügig, das meiste davon liegt im Jahr 2019 zurück. Nachdem das durch den Account ÖRR Blog zusammengefügt wurde, begann Pertsch alle seine jemals abgesetzten Tweets zu löschen. Davor machte ihm das allerdings nichts aus.

Kritik an Floskelwolke: Die fragwürdige Floskel des Jahres 9

Ebenfalls fielen alte Bemerkungen von ihm auf, bei denen er seine Ideen für „rechte Arschlöcher“ beschrieb, die wohl eher weniger demokratisch sind oder aus der Feder eines Betreibers eines Sprachprojekts stammen sollten. Hier schloss er seine Anmerkungen damit ab, dass man diese in ein Asylheim stecken und anzünden sollte.

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Auf seiner Website beschreibt sich Pertsch im Übrigen als jemand, der „selbst im größten Stress“, weder „Humor noch Contenance“ verliert. Auch diese Formulierung sorgt aktuell nicht dafür, dass er in den Augen einiger Kritiker an Ansehen erlangt.

Eigenartige Bestimmung des Wortes

Die Floskelwolke nutzt für ihre Projekte, wie es auf Wikipedia angegeben ist, einen Algorithmus, der Artikel untersuchen soll. Inwiefern dieser jedoch bei der Bestimmung des „Unwortes“, also der Floskel des Jahres, genutzt wird, ist jedoch fragwürdig. In der Pressemitteilung sagt man, dass man diese durch Vorschläge und „eigene Beobachtungen“ ausgewählt hätte. Das wirkt jedoch willkürlich und nicht danach, dass ein Algorithmus eingesetzt wurde.

Auf Twitter wundert man sich, dass nicht Worte wie „Solidarität“, die ja auch als Floskel sehr häufig benutzt wurden, gewählt worden, sondern stattdessen Freiheit. Ein Wort, das auch für den Kampf der Ukraine gegen Russland häufig genutzt wurde und jetzt als Floskel abgetan werden soll?

Komischerweise landen jedoch in fast allen Fällen nur Wörter auf der fünf Positionen langen Floskel-Liste, die aus liberalen, konservativen oder rechten Kreisen kommen. In diesem Jahr wurden unter anderem auch „Sozialtourismus“ (Merz nutzte diese Phrase einmal, wonach es Aufschrei gab), „Klimakleber“ (der Begriff ist erstmal neutral, wirkt aber nicht mehr so, wenn man sich die restlichen anschaut) oder „Doppelwumms“ von Olaf Scholz „gekürt“. Der Begriff „Freiheit“ schaffte es jedoch auf die Nummer eins.

Laut der Floskelwolke wird der Begriff „entwürdigt von Egoman*innen, die rücksichtslos demokratische Gesellschaftsstrukturen unterwandern“ und vor allem auf ihren „eigenen Vorteil“ pochen. Welche gesellschaftlichen Strukturen hier gemeint sind, bleibt jedoch unerwähnt. Auf Platz 3 befindet sich ebenfalls auch „technologie-offen“, wo man laut der Autoren auf „altbackene[r] Tradition“ beharrt und nicht genug auf die Wissenschaft hört. Wie problematisch das wiederum sein kann, zeigte bereits der Beitrag von MaiLab vor einigen Wochen.

Was übrig bleibt

Am Ende des Tages ist die Frage einiger Nutzer, die jedoch blockiert worden, inwiefern das Projekt relevant genug für die Tagesschau oder den Deutschlandfunk ist, vielleicht doch gar nicht so abwegig gewesen. Nicht nur ist die Bestimmung undurchsichtig, das Verhalten des Gründers Pertsch befremdlich, sondern auch die Frage, was hiermit eigentlich erreicht werden soll, erst einmal kritisch zu stellen.

Der Autor Severin Tatarczyk hat in einem Blog-Eintrag übrigens den Verlauf einer Anzeige beschrieben, denn nach einer Beleidigung hatte er Pertsch angezeigt. Wie das ablief, hat er über die Jahre dort dokumentiert.

Wie sich die Sache entwickeln wird, kann man indes auf dem Twitter-Account des ÖRR Blog oder unserem Comicschau-Account verfolgen. Wir werden jedenfalls schauen, ob es nochmal eine Äußerung der Tagesschau-Redaktion oder der beiden Floskelwolke-Betreiber geben wird.

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Bastian

Herausgeber und Autor, nimmt sich selbst weniger ernst als Bielefeld, oft sarkastisch, kreativ und Gelegenheitskritiker.

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